Vorläufiges Programm
Die Konferenz befasst sich mit Konzepten und Anwendungen von „Bildhaftigkeit“ und „Handlung“ im weitesten Sinne. „Bildhaftigkeit“ umfasst das Abschweifen der Gedanken sowie kinästhetische und multimodale Dimensionen. „Action“ zielt spezifisch auf Handlungsmodalitäten in der Psychotherapie (gestalttheoretische Psychotherapie und morphologische Psychologie). Das Konferenzprogramm umfasst Keynote-Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops, Poster-Sessions, Besuche historischer Tonarchive, eine Easy-Listening-Session und ein Konzert. Außerdem planen wir einen geführten Rundgang zu den historischen Stätten der Gestaltforschung in Berlin-Mitte. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.
Mittwoch
Vorveranstaltung
Geführter Stadtrundgang zu den historischen Stätten der Gestaltforschung in Berlin-Mitte. Treffpunkt: Statue von Friedrich Wilhelm Hegel am Hegelplatz, hinter dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität, Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin.
Zeitfenster: 14:30 bis 16:00 Uhr
Ankunft und Eröffnung mit Verleihung des Wolfgang-Metzger-Preises und des Bozzi-Preises im Tieranatomischen Theater.
Zeitfenster: 17:00 bis 20:00 Uhr
Ankunft und Eröffnung mit der Verleihung des Wolfgang-Metzger-Preises und des Bozzi-Preises – Tieranatomisches Theater
Zeitfenster: 17:00 bis 20:00 Uhr
einschließlich Reden der Preisträger oder einem Hauptvortrag (möglicherweise Marc Leman mit Bezug zur Gestalttheorie).
Donnerstag
Keynote-Vortrag, Podiumsdiskussionen, Workshops
Institut für Musikwissenschaft der Humboldt-Universität, Humboldt-Forum
(alle Veranstaltungen finden in Berlin-Mitte statt)
9:00 bis 12:00 Uhr Psychologische Morphologie – Grundlagen und Anwendungen – mehr Infos
12:00 Uhr Keynote-Vortrag
14:00 Uhr bis 18:00 Uhr Panel 100 Jahre Berliner Schule der Gestalttheorie – mehr Infos
18:00 Uhr Keynote-Vortrag
Freitag
Keynote-Vortrag, Podiumsdiskussionen, Workshops
Institut für Musikwissenschaft der Humboldt-Universität, Humboldt-Forum
(alle Veranstaltungen finden in Berlin-Mitte statt)
9:00 bis 12:00 Uhr Podiumsdiskussionen
12:00 Uhr Keynote-Vortrag
14:00 bis 18:00 Uhr Panel 100 Jahre Berliner Schule der Gestalttheorie – mehr Infos
18:00 Uhr Mitgliederversammlung der GTA-Mitglieder
20:00 Uhr Social Dinner
Samstag
Keynote-Vortrag, Podiumsdiskussionen
BSP Business & Law School in Berlin-Lankwitz
10:30 bis 14:30 Uhr (mit integrierter Mittagspause – Panel mit Workshopcharakter
Gestalttheoretische Psychotherapie und Analytische Intensivberatung – mehr Infos
15:00 Uhr: Keynote-Vortrag Mauro Antonelli, Mailand
17:00 Uhr: Salonkonzert
Bestätigte Panels
Diese Panels sind bereits bestätigt und werden in den nächsten Wochen in das obige Programm eingetragen.
Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Wilhelm Salber entwickelte Psychologische Morphologie ist Grundlage der psychologischen Lehre und Forschung an der BSP Business & Law School in Berlin und Hamburg. Aus tiefen- und gestaltpsychologischen Grundlagen entstand ein Konzept, das (radikal) bei den Formenbildungen des Alltags und der Kultur ansetzt und insbesondere Phänomene der Wirtschaft, der Medien und des Sports psychologisch ergründet. Wie konkret vorgegangen wird, zeigen Beispiele aus der morphologischen Forschung.
Prof. Dr. Dirk Blothner: Psychologie betreiben mit dem Zeichenstift – Wilhelm Salbers psychologische Skizzen
Prof. Dr. Björn Zwingmann: Morphologische Filmanalyse von „Air – Der große Wurf“ (Ben Affleck, 2023)
Prof. Dr. Johanna Hodde: Zwischen Anarchie und Diktatur: Kunsterfahrung als Kulturparameter am Beispiel eines Gemäldes „Der Heilige Hain“ (1882) von Arnold Böcklin
Dr. Sven Giebel: Vorgestaltanalyse und Werbewirkung
Prof. Dr. Andreas Marlovits: Spielgestalten – Morphologische Analyse von Fußballspielen
Wilhelm Salber (1928-2016), der Begründer der Psychologischen Morphologie, hinterließ eine beachtliche Anzahl von mit Stiften gezeichneten Skizzen. Viele wirken auf den ersten Blick befremdlich, sind in ihrer Strichführung einfach und reduziert. Der Panel-Beitrag legt an ein oder zwei Beispielen dar, wie sich Salbers psychologische Skizzen von denen bekannter Künstler wie Beckmann oder Kirchner unterscheiden. Und er erarbeitet Interpretationen der Bilder auf dem Hintergrund gestalt-morphologischer Konzepte.
Skizzen werden von Kunsthistorikern als etwas sehr Privates beschrieben. Von Künstlern werden sie oft geschützt und nicht öffentlich kommentiert. Daher wird die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt möglich ist, in diesen privaten Raum Salbers einzudringen. Denn er selbst hat zu Lebzeiten seine Skizzen nicht kommentiert oder sich in seinen Texten explizit auf sie bezogen. Der Beitrag untersucht, wie sie dennoch psychologisch ausgewertet werden können.
Dabei wird sich zeigen, dass Salber im Kreis der Psychologen zu den „Sehern“ gehörte. Zeichnerisch beschäftigte er sich weniger mit der sichtbaren Welt. Was er in seinen Skizzenbüchern festhielt, sind eher Bilder unbewusster, psychischer Gestaltungsmuster. Zusammen genommen bilden Salbers Skizzen jedoch kein „Lehrbuch“. Sie sind pointierte, spontan entstandene Perspektiven auf die Strukturen seelischer Ganzheiten. Sie sind eine eigenständige, ergänzende Form gestaltpsychologischer Beschreibung und Analyse. Man kann auch sagen, sie suchen den unbewussten Gestaltungsbetrieb des Seelischen im Vollzug zu ertappen.
Ausgangspunkt ist die Annahme einer „Medienseele“, nach der das Seelische nicht als innerer Zustand, sondern als Prozess der Gestaltbildung verstanden wird, der sich wesentlich in Medien vollzieht.
Anhand von Air wird eine spezifische Gestaltlogik des Filmerlebens herausgearbeitet, die sich um das Motiv des „Glaubens“ organisiert. Ausgehend von einer unzufriedenen Ausgangseinheit entfaltet sich eine Entwicklung, in der ein Teil darauf hinwirkt, eine neue, stimmigere Einheit herzustellen. Die Analyse rekonstruiert das Filmerleben als spannungsreiche Vermittlung verschiedener Grundkomplexe wie Wiederholen–Verändern, Wandel–Verbindlichkeit, Erniedrigung–Triumph sowie Begrenzt–Darüber-Hinaus. Schließlich wird im Umschlag zentraler Szenen auch der Komplex Unperfekt–Perfekt erfahrbar.
Im weiteren Verlauf wird die spezifische Verwandlungssorte des Films bestimmt, die sich im Märchenmotiv des „gestiefelten Katers“ verdichten lässt: Eine unbefriedigende Konstellation wird durch geschicktes Vermitteln und Umordnen in ein gelingendes Entgegenkommen überführt.
Kulturpsychologisch lässt sich der Erfolg und die Wirkung des Films zudem als Ausdruck einer gegenwärtigen Sehnsucht nach einer neuen, besseren Einheit verstehen: In einer als fragmentiert und unsicher erlebten Wirklichkeit bietet Air ein Bild dafür, dass durch Glauben, Risiko und Vermittlung wieder ein stimmiger Zusammenhang hergestellt werden kann.
Der Vortrag zeigt, wie sich im Medium Film grundlegende Prozesse seelischer Selbstverständigung darstellen. Air wird so als Beispiel dafür lesbar, wie Filme als Vermittlungsdinge fungieren, in denen sich das Seelische in seiner eigenen Formenbildung erfahrbar macht.
„Anarchie und Diktat“ lautet die Zukunftsdiagnose von Wilhelm Salber um die Jahrtausendwende. Salber beschreibt in seinem gleichlautenden Artikel (1999) die Kehrseiten der ‚Erfindung des Privaten‘ und des Aufrufs zur Selbstwirklichung bei gleichzeitiger Abspaltung der gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge. Geradezu prophetisch macht er auf das hieraus erwachsenden Bedürfnis nach einer strengen Hand und den ersehnten Durchgriff durch „starke Männer“ in westlichen Gesellschaften aufmerksam. Nach Salbers Urteil weisen zahlreiche Diagnosen der Gegenwartskultur auf Ambivalenzen mit den Wahlmöglichkeiten in unserer freiheitlichen Gesellschaft hin und zugleich auf eine verzweifelte Sinnsuche und Haltlosigkeit des Einzelnen: ‚Alles ist möglich‘, aber ‚nichts geht mehr‘. Neben den Freiheiten, die Menschen der westlichen Hemisphäre in ein Wechselfieber versetzen – so zeigen es soziologische und psychologische Studien zur Alltagspraxis – bilden sich Zwänge aus, wobei die Wahlfreiheit sich ebenfalls zum Zwang auswachsen kann. Zwänge sollen als Symptom die überfordernde Wahlmöglichkeit eindämmen und die Sinnkrise bewältigen, führen aber auch ihrerseits in ein Leiden.
Die Sehnsucht nach einer entschiedenen Gestalt, die Wandel anstelle von Wechsel voraussetzt, wurde von Studierenden der BSP in einer Exploration der Bildwirkung des Gemäldes der Heilige Hain spürbar. Die Explorationen mittels ausführlicher, circa 30-minütiger Erlebensbeschreibungen der Teilnehmer an der kunstpsychologischen Gruppenexploration und der folgenden 15 zweistündigen Tiefeninterviews offenbarte den Wunsch junger Menschen, sich mit den Bedingungen des Lebens auseinanderzusetzen. Sie wollen wissen, wofür es sich lohnt, Einbußen in Kauf zu nehmen, etwas zu opfern. In der spontanen Benennung des Bildes als „Opfergabe“ seitens der Gruppe lebt das Versprechen, durch einen solchen Einsatz schließlich belohnt/beschenkt zu werden und dem eigenen Leben eine entschiedene Richtung zu geben. Hier schwingt allerdings auch eine Form der Untergangssehnsucht des Bestehenden mit.
Kunsterfahrung kann zu einem Kulturparameter werden, indem dem Betrachter die ewigen Grundparadoxien des menschlichen Daseins vor Augen geführt werden – und auch, wie sehr er in sie verwickelt ist. Das Grundverhältnis von Freiheit und Bestimmung, das das Bild vom Heiligen Hain behandelt, erfährt im Zusammenhang der Rechtsbewegungen in Deutschland und Europa, dem Deliberalismus/Autoritarismus weltweit eine besondere Aktualität. Bilder der Kunst können hier nicht nur als Aufklärer der zugrundeliegenden unauflösbaren Paradoxien erfahrbar werden, sie öffnen oftmals einen dritten und vierten Weg. Zu dieser Perspektive hin soll der Panel-Beitrag geöffnet werden.
Die morphologische Psychologie Wilhelm Salbers versteht Werbewirkung als psychodynamischen Prozess von Spannung, Formenbildung und Auflösung, im Anschluss an die Feldtheorie Kurt Lewins und die Gestaltkonzeption Friedrich Sanders. Denn wirksame Werbung trifft nicht auf ein neutrales Bewusstsein, sondern auf ein gespanntes, bereits bewegtes Erfahrungsfeld. Werbewirkung ist entsprechend kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines fortlaufenden seelischen Gestaltungsprozesses. Der Vortrag zeigt, dass Werbung dann wirksam ist, wenn sie vorgestaltliche Entwicklungsrichtungen aufgreift und in tragfähige symbolische Gestalten, in Formen überführt. Der Vortrag stellt eine Fortentwicklung der morphologischen Werbewirkungsforschung vor, die dieser Bewegung von der Vorgestalt hin zu einer spezifischen Entwicklungsrichtung im Form- und Gestaltungsprozess folgt. Anhand einer Eigenstudie (Fallbeispiel Dr. Oetker) wird deutlich, wie Werbung entweder kohärente Gestaltbildung ermöglicht oder in Morpholyse mündet, wenn Spannungen ungelöst bleiben. Die Studie zur Analyse eines Spots von Dr. Oetker zeigt, dass bereits in den ersten Bildern eines Spots entschieden wird, ob Werbung psychologisch anschlussfähig ist oder nicht. Die Vorgestaltanalyse bietet damit ein Instrument auch für die sehr frühen Phasen der Ideen- und Konzeptentwicklung, um Werbung psychologisch resonanzfähig und sinnstiftend zu gestalten.
Fußballspiele sind in ihrem Verlauf oft schwer zu verstehen. Sie scheinen ein Geheimnis zu bergen. Ein Spiel, resp. ein Fußballspiel, ist ein gemeinschaftlicher Gestaltungsprozess zwischen zwei Teams. In der Gleichzeitigkeit eines Mit- und Gegeneinanders entsteht die Gestalt eines Spiels. Als Gestaltung ist das Spiel hoch dynamisch, ständig in Bildung und Umbildung begriffen und unterliegt der Dynamik einer zeitlichen Ordnung. Alle Spieler wirken in ihrem Tun auf dem Platz an der Bildung dieser Gestalt mit. Die Spielgestalt selbst ist als Ganz-Produkt zu verstehen, an der Einzelglieder zwar mitwirken, in der Herstellung der Gestalt allerdings Bedingungen der Formentwicklung unterliegen. Dabei produziert die Spielgestalt eine eigene Geschichte, die oft genug seltsame Verläufe bereit hält und die mit taktischen Erklärungen oft nicht zu fassen ist. Im Beitrag soll die Methode der Morphologischen Analyse von Sportspielen vorgestellt werden, die sich als eine qualitative, tiefenpsychologische Analysemöglichkeit von Sportspielen versteht.
Dr. Angelika Böhm / Prof. Dr. Herbert Fitzek / Dr. Thomas Fuchs / Jüly Incel / Julia Rohner / Uta Wedam / Pola Zügge
Unter den gestaltpsychologischen Konzepten sind die Berliner Schule der Gestalttheorie und die Psychologische Morphologie nicht nur diejenigen, die heute noch wissenschaftlich diskutiert und praktiziert werden. Beide haben therapeutische Ansätze aus sich hevorgebracht, die im psychologischen Beratungs- und Behandlungskontext erlernt und eingesetzt werden. Wir greifen eine Diskussion auf, die vor beinahe 20 Jahren in Miesenbach (Niederösterreich) begonnen hat und die wir im Rahmen der GTA gerne fortsetzen und lebendig erhalten wollen. Für das Panel wünschen wir uns ein offenes Publikumsgespräch zu den konzeptuellen Grundlagen und zur gelebten Praxis beider Ansätze.
Die nachfolgenden Diskussionen können sich an gemeinsamen Verständigungspunkten orientieren:
1) Phänomenologie treiben: sich gemeinsam auf die Spur von sinnlichen Erfahrungen machen; innere Räume erkunden; aufkommende Bilder (bei Klienten / bei Therapeuten) zulassen; Szene beschreiben; mit Bildern arbeiten; Aufgabe, diese Bilder aufzugreifen und zu vertiefen; Bedeutung und Tragweite dieser Bilder verfolgen
2) Gestaltgesichtspunkt im Auge behalten: Prägnanzen bilden; Einsicht als Chance, Klarheit und Übersicht zu gewinnen; zugleich auch Transformationen zulassen; was impliziert das; wo führt das hin; wo kann etwas ausgeweitet, umgewandelt, variiert werden; Verrücken lernen
3) Techniken ausbilden: was heißt das für das konkrete Arbeiten; welche Vorgaben werden eingeführt; wie werden Gespräche gestaltet; was wird als Material genutzt; wie wird mit Rahmenbdingungen umgegangen; was wird von Klienten-/Therapeutenseite eingebracht
4) zentral bei alledem: die therapeutische Beziehung bzw. das gemeinsames Werk als Rahmen für alle im Therapieverlauf aufkommenden Momente: Was heißt das für die Ausgestaltung des Therapieverlaufs und das Verfolgen der Therapieziele?
Alle Punkte sollen nicht streng in dieser Reihenfolge behandelt werden, aber können als Groborientierung für den Verlauf genutzt werden. Die Mitwirkenden sehen ihre Rolle darin, Beispiele aus der Therapie bereitzustellen, die bei Bedarf zu den einzelnen Punkten eingebracht werden.
Literatur:
Beneder, D. (2009). Von Goethes Morphologie zur Psychotherapie. Eine Begegnung mit der Analytischen Intensivbehandlung (AIB). Phänomenal 1/2009, 26-29.
Endres, N. & Salber, W. (2001). Analytische Intensivberatung. Gestalttherapie 15 (2), 59-81.
Stemberger, G. (Hrsg.)(2024), Grundkonzepte der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Der gestaltpsychologische Ansatz in der Psychotherapie. Wien: Krammer.
Leitung: Prof. Dr. Herbert Fitzek / Prof. Dr. Marianne Soff
In diesem Panel wird die „Berliner Schule der Gestalttheorie“ und ihre Blütezeit im Psychologischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität in den Jahren 1922-1935 im Mittelpunkt stehen – von Räumen im Schloss, der damaligen Atmosphäre und Zusammenarbeit, bis hin zu wissenschaftlichen und Praxis-relevanten Weiterentwicklungen bis in die Gegenwart.
Donnerstag (17.9.26)
Freitag (18.9.26)
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs machte auch die Wissenschaft in der Weimarer Republik eine neuen Anfang. Die Gestalttheorie fand dafür in den Räumen des Psychologischen Institutes der Friedrich-Wilhelms-Universität im ehemaligen Hohenzollernschloss besonders exponierte Bedingungen. Wir möchten rekonstruieren, wie das Institut sich im Schloss einrichtete: Wie lebten, arbeiteten und forschten Köhler, Wertheimer, Lewin? Welche Räume belegten Sie? Was waren ihre Arbeitsschwerpunkte? Wer arbeitete mit ihnen zusammen? Welche Doktorandinnen und Doktoranden forschten in den Räumen? Wer gehörte außer den Vertretern der Gestalttheorie zum Institut? Und was spielte sich um das Schloss herum ab? Wie fügte sich die Gestalttheorie in die Berliner Kultur der 20er Jahre ein?
Im Einführungsbeitrag zum Panel geben wir einen Überblick über die Forschungs- und Arbeitsbedingungen der in der Gestalttheorie Engagierten im Berlin der 1920er Jahre anhand eines konkreten (virtueller) Einblick in deren Wirkungsstätte im ehemaligen Hohenzollernschloss.
Lewin war eine der zentralen Persönlichkeiten am Berliner Institut für Gestaltpsychologie. 1928 hielt er einen Vortrag zum Thema „Die Entwicklung der experimentellen Willenspsychologie und die Psychotherapie“ beim III. Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden. Lewin zeigte in seinem Vortrag dem ärztlichen Publikum auf, dass lebensnah eingesetzte experimentelle Forschung auch für die Prüfung psychodynamischer Zusammenhänge ein sinnvolles Vorgehen sein kann. Beinahe 100 Jahre danach sind die Forschungsergebnisse aus den Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie – bekannt auch unter dem Namen „Berliner Experimente“ – nach wie vor aktuell und relevant.
In der Gestalttheoretischen Psychotherapie (GTP), die sich in der Tradition der Gestaltpsychologie versteht, wurden wesentliche Ergebnisse aus dem systematisch aufgebauten Experimentalprogramm aufgegriffen und auf das Feld der Psychotherapie übertragen. Exemplarisch werden folgende Themenbereiche, denen in der Psychotherapie eine wichtige Bedeutung zukommt, erörtert:
Der Vortrag analysiert die Zusammenarbeit zwischen Erich Moritz von Hornbostel und Max Wertheimer als eine bislang wenig beachtete Konstellation in der Frühgeschichte der Gestaltpsychologie. Im Zentrum steht der 1920 gemeinsam veröffentlichte Aufsatz „Über die Wahrnehmung der Schallrichtung“, der gewöhnlich vor allem als Beitrag zur frühen Psychoakustik oder zur militärischen Schallortung im Ersten Weltkrieg gelesen wird. Demgegenüber vertritt der Vortrag die These, dass die Untersuchungen zum binauralen Hören als paradigmatisches Beispiel einer genuin gestaltpsychologischen Forschungslogik verstanden werden können. Ausgehend vom wissenschaftlichen Milieu Carl Stumpfs sowie den gemeinsamen musikpsychologischen Interessen Hornbostels und Wertheimers – insbesondere Wertheimers Untersuchungen zur Musik der Vedda auf Ceylon – wird gezeigt, dass zentrale Probleme der späteren Gestalttheorie bereits im Kontext der Tonpsychologie vorbereitet wurden. Die Frage nach der Einheit der Melodie führt dabei zu einer allgemeinen Untersuchung relational organisierter Wahrnehmung. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die Forschungen zum Richtungshören nicht als bloße technische Anwendung psychologischer Erkenntnisse, sondern als experimentelle Analyse jener Bedingungen, unter denen aus minimalen zeitlichen Differenzen zwischen beiden Ohren kohärente räumliche Wahrnehmungseinheiten entstehen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der sogenannten „Zeittheorie“, den experimentell erzeugten Grenzphänomenen sowie dem Konzept der „wirksamen Basislänge“, das auf die Nichtreduzierbarkeit auditiver Wahrnehmung auf anatomisch-physikalische Gegebenheiten verweist. Abschließend wird die Nähe dieser Untersuchungen zu Wertheimers Analysen des φ-Phänomens herausgearbeitet, um die Bedeutung des auditiven Feldes für eine allgemeine Theorie zeitlich organisierter Gestaltbildung sichtbar zu machen.
Bis heute werden die zentralen Errungenschaften der Gestaltpsychologie traditionellerweise auf dem Feld der Wahrnehmungs- und Denkpsychologie und der Wissenschaftsphilosophie verortet, wie sie unter anderem durch die Arbeiten von Alexius Meinong und Christian Ehrenfels in Graz und Wien sowie Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler in Frankfurt und Berlin entwickelt wurden. Jenseits der philosophischen Lehrstube und dem wahrnehmungspsychologischen Labor widmet sich dieser Beitrag dem weniger bekannten Feld der frühen gestaltpsychologischen Anwendungsforschung in Deutschland und Österreich im Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit. Jüngere Mitarbeiter des Berliner Instituts wie Hans Rupp, Erich von Hornbostel und Kurt Lewin schlugen eine Brücke vom Labor zur Praxis, entwickelten psychologische Messinstrumente für das Militär und die Industrie und schafften so eine fruchtbare Verbindung zwischen Gestaltpsychologie und der angewandten Psychologie bzw. Psychotechnik, die mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ein abruptes Ende nahm und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgenommen wurde.
Der Beitrag schlägt den Bogen zwischen der Berliner Schule der Gestaltpsychologie und den Anfängen der angewandten Psychologie in Zürich seit den 1920er Jahren und verfolgt von dort aus die Frage nach ihrer heutigen Bedeutung. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass zwischen beiden Kontexten keine direkte institutionelle Traditionslinie bestand. Während die Berliner Gestaltpsychologie um Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka primär als theoretisch ausgerichtete Grundlagenforschung zu Wahrnehmung, Denken und psychischen Ganzheiten etabliert war, formierte sich die Zürcher angewandte Psychologie zunächst im Umfeld der Psychotechnik, der Berufsberatung und der Eignungsdiagnostik und orientierte sich an praktischen Anforderungen von Schule, Verwaltung und Arbeitswelt.
Gerade diese Ausgangsdifferenz schliesst frühe intellektuelle Berührungspunkte jedoch nicht aus. Der Vortrag zeigt, dass sich bereits in der Zwischenkriegszeit strukturelle Affinitäten erkennen lassen, etwa in der kritischen Haltung gegenüber atomistischen Erklärungsmodellen, in der Betonung situativer Bedingungen psychischen Handelns und in einem relational gefassten Menschenbild. Um diese Zusammenhänge zu erfassen, wird der Begriff der „Wahlverwandtschaften“ als heuristische Perspektive vorgeschlagen: Er bezeichnet keine Einfluss- oder Rezeptionsgeschichte, sondern verweist auf begriffliche Näheverhältnisse, die verschiedene Disziplinentwicklungen miteinander verbinden, ohne sie zwingend kausal zu verknüpfen.
Besonders sichtbar werden solche frühen Wahlverwandtschaften dort, wo gestaltpsychologische Konzepte – exemplarisch über Kurt Lewins Feldtheorie – eine Übersetzung in sozial , arbeits- und organisationspsychologische Fragestellungen erfahren und damit für Anwendungsfelder anschlussfähig werden. Vor dem Hintergrund der politischen Brüche der 1930er Jahre und der durch Emigration unterbrochenen Traditionslinien erhalten diese indirekten Anschlussprozesse zusätzliches Gewicht. In Zürich lassen sich entsprechende Entwicklungen insbesondere in der allmählichen theoretischen Erweiterung der angewandten Psychologie beobachten, etwa bei Hans Biäsch, der über eine rein psychotechnische Praxis hinaus ein systematisches, theoriegeleitetes Verständnis angewandter Psychologie vertrat.
Der Vortrag schliesst mit der Frage, was von der Berliner Gestaltpsychologie heute noch für die angewandte Psychologie in Zürich bedeutsam ist. Argumentiert wird, dass sich deren Wirkung weniger in expliziten Lehrtraditionen als vielmehr in grundlegenden Annahmen fortsetzt. In diesem Sinne erweist sich die Berliner Gestaltpsychologie als weiterhin wirksamer – wenn auch zumeist impliziter – Bezugspunkt im Selbstverständnis der angewandten Psychologie in Zürich.
Mein Lehrer Wolfgang Metzger hat die Berliner Schule der Gestalttheorie besucht und durch ihn durfte ich diesen Geist etwas kennenlernen.
Daher frage ich heute:
Was ist von diesem Geist geblieben und versuche eine Antwort auf die folgenden Teilfragen.
Was ist geblieben vom Charme des psychologischen Instituts an der Rosenstraße?
Was ist geblieben von der Leidenschaft für die Anschauung?
Was ist geblieben von der reinen und schönen Sprache?
Was ist geblieben von der universellen Bildung und Belesenheit?
Was ist geblieben von der wissenschaftlichen Bescheidenheit?
Was ist geblieben von der philosophischen Tiefe der Berliner Schule?
Was ist geblieben von der »besonderen Stellung«, welche die Psychopathologie einnehmen sollte?
Was also ist geblieben vom guten Geist der Berliner Schule der Gestalttheorie?
Neuere Forschungen zu crossmodalen Korrespondenzen haben gezeigt, dass Hörer musikalische Klänge kultur- und entwicklungsübergreifend konsistent mit visuellen, emotionalen und semantischen Merkmalen verbinden. Ausgehend von Studien zu Prokofjews Peter und der Wolf, Saint-Saëns’ Karneval der Tiere sowie aktuellen Arbeiten zu multisensorischen Zuordnungen von Konsonanz und Dissonanz untersucht dieser Vortrag, wie musikalische Struktur, Klangfarbe und Intervallbeziehungen audiovisuelle und affektive Assoziationen prägen. Ich argumentiere, dass diese Befunde die Existenz robuster multisensorischer Organisationen unterstützen, die Musikperzeption, begriffliche Repräsentationen und emotionale Bedeutung miteinander verknüpfen. Zugleich werfen sie weiterführende Fragen nach den Ursprüngen und Mechanismen musikalischer Semantik auf.
Systematische Beziehungen zwischen auditiven Eigenschaften und musikalischen Charakteristika einerseits sowie Qualitäten anderer Sinnesbereiche andererseits könnten zur Bildung außermusikalischer Bedeutung beitragen. Obwohl dies ein lebendiges Forschungsfeld innerhalb der experimentellen Psychologie und der Neurowissenschaften darstellt, bleiben viele grundlegende Fragen offen. Lassen sich sensorische Wechselwirkungen in musikalischen Werken nachweisen, und wenn ja, wie können solche Praktiken in ihren historischen oder kulturellen Kontext eingeordnet werden? Könnten Erkenntnisse über crossmodale Beziehungen musikalische Kreativität fördern? Und schließlich: Würden cross-sensorische Erweiterungen von Zuhörern in physischen oder digitalen Umgebungen geschätzt werden, und welche Rolle spielen dabei Kongruenz beziehungsweise Inkongruenz für die Gestaltung multisensorischer musikalischer Erfahrungen?
Verbindung von Wahrnehmen, Fühlen und Denken: Ein Bayes’sches Modell crossmodaler Korrespondenzen mit Musik
Crossmodale Korrespondenzen mit musikalischen Eigenschaften – sowohl in isolierter Form als auch in musikalischen Kontexten – wurden umfassend mithilfe verhaltenswissenschaftlicher Experimente untersucht. Diese Experimente haben robuste Zusammenhänge zwischen Eigenschaften wie Tonhöhe und vertikaler Position, Größe und Schärfe eines Objekts, Spannung, Helligkeit und Geschwindigkeit sowie weiteren Merkmalen gezeigt. Darüber hinaus konnten verschiedene Ursprünge dieser Assoziationen identifiziert werden.
In musikalischen Kontexten spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle dabei, welche multimodalen Erfahrungen Zuhörerinnen und Zuhörer (oder Ausführende) machen. Dadurch werden die jeweils hervortretenden Korrespondenzen für einen bestimmten Kontext und eine bestimmte Person eher probabilistisch als deterministisch. Ziel dieses Beitrags ist es, diese probabilistische Natur crossmodaler Korrespondenzen mit Musik zu untersuchen und dabei die Bayes’sche Regel zur Modellierung solcher Assoziationen einzusetzen.
Die Bayes’sche Regel wird angewandt, um musikalische Eigenschaften mit entsprechenden Korrespondenzen zu verknüpfen. Dabei werden der Informationsgehalt einer Eigenschaft, die Wahrscheinlichkeit der Korrespondenz sowie der Grad der Evidenz für diese Korrespondenz berücksichtigt. Die Anwendung der Bayes’schen Regel und ihre Vorhersagen werden anhand einer Reihe musikalischer Beispiele evaluiert. Diese Modellierung wirft neue Fragen im Zusammenhang mit multimodalen Musikerfahrungen auf und schlägt zugleich einen möglichen Mechanismus vor.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass er eine formale Untersuchung der Einflussfaktoren multimodaler Musikerfahrungen ermöglicht. Unterschiedliche Modelle können dabei verschiedene Vorhersagen generieren, beispielsweise indem Emotionen als Quelle von Korrespondenzen hervorgehoben oder Erwartungen im Vorhinein definiert werden.
Auditive Morphodynamik: Ein Gestalt-basierter Ansatz zur Erforschung audiovisueller Assoziationen in der Klangkunst
Die Forschung zu crossmodalen Assoziationen – insbesondere zwischen auditiven und visuellen Bereichen – hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Solche Assoziationen beruhen auf zahlreichen Faktoren, die von frühen Wahrnehmungsprozessen bis hin zu höheren kognitiven Schlussfolgerungen sowie emotionalen und umweltbedingten Einflüssen reichen. Das aufkommende Konzept der Morphodynamik von Reizen bietet einen neuen Rahmen zur Untersuchung crossmodaler Korrespondenzen, indem es sich auf die sich entwickelnden Eigenschaften eines Reizes sowie auf dessen qualitative und quantitative Kontinuitäten und Diskontinuitäten konzentriert. Abhängig von der morphodynamischen Komplexität können solche Assoziationen aus unterschiedlichen wahrnehmungsbezogenen Ähnlichkeiten entstehen – von strukturellen Übereinstimmungen bis hin zu konzeptuellen Analogien.
Dieser Beitrag untersucht Morphodynamik anhand eines Gestalt-basierten Paradigmas, das Wahrnehmungserfahrung sowohl mit den strukturellen Eigenschaften als auch mit der phänomenalen Erscheinungsweise eines Reizes verbindet. Morphodynamische Muster können komplexe Informationen vermitteln, die aus der zeitlichen Entwicklung sensorischer Reize hervorgehen. Aufbauend auf empirischen Studien des Autors untersucht der Beitrag die Fähigkeit auditiver Reize, nicht-auditive Informationen zu transportieren. Die Ergebnisse zeigen, dass Teilnehmende musikalische sowie eigens vorbereitete Klangmaterialien (d. h. elektronisch synthetisierte abstrakte Klänge) konsistent mit mentalen Bildern verbinden, die spezifische Materialeigenschaften wie Viskosität oder Elastizität widerspiegeln, ebenso wie mit visuellen Darstellungen von Objekten, die diese Eigenschaften verkörpern.
Im Zentrum dieser Studie steht die Annahme, dass nicht-referenzielle abstrakte Klänge allein durch ihre morphodynamische Entwicklung Vorstellungen der realen Welt hervorrufen können. Dieser Befund zeigt, dass Klangmuster nicht-auditive Informationen vermitteln können und dabei einen Wahrnehmungsmechanismus offenlegen, der über referenzielle Bedeutung hinausgeht. Eine solche Perspektive eröffnet neue Wege zum Verständnis ästhetischer Wahrnehmung in der Klangkunst und legt nahe, dass bestimmte Musikgenres und Klangpraktiken – insbesondere solche, die Verweise auf physische Kausalität und symbolische Bedeutung minimieren – aufgrund ihrer dynamischen Form als inhärent bedeutungsvoll erlebt werden können.
Das Meta-Schema: Zwischen Gestaltwahrnehmung, crossmodalen Korrespondenzen und multimodaler Semantik
An der Schnittstelle von Gestaltwahrnehmung, kognitiver Psychologie und Linguistik schlägt dieser Beitrag ein neues Konstrukt vor, das der Konzeptbildung zugrunde liegt: das Meta-Schema.
Der gemeinsame Nenner von Gestalttheorie, der Forschung zu crossmodalen Korrespondenzen sowie der Untersuchung von Bildschemata in der kognitiven Linguistik liegt im Fokus auf der aktiven Konstruktion von Erfahrung durch das kognitive System. So motiviert die Gestaltwahrnehmung organisierte Konfigurationen aus verstreuten Lichtmustern, etwa „einen gezackten Stern“. Bildschemata bewahren solche Konstrukte als Vorlagen zur Bildung metaphorischer Bedeutungen (z. B. „eine gezackte Erinnerung“). Schließlich erklären crossmodale Korrespondenzen sowohl, wie sich ganzheitliche Wahrnehmung von einer Modalität auf eine andere ausdehnt (wie oben: von der visuellen Wahrnehmung zur Sprache), als auch, wie eine solche etablierte Verbindung auf natürliche Weise weitere multimodale Bedeutungen motiviert (z. B. eine „gezackte“ musikalische Klangfarbe).
Der vorliegende Ansatz geht noch einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion, indem er behauptet, dass einige scheinbar kultur- und sprachübergreifend getrennte Bildschemata – etwa VERTIKALITÄT, AUSDEHNUNG und QUELLE–PFAD–ZIEL – tatsächlich auf einem einzigen System höherer Ordnungsprinzipien beruhen. So basieren Tonhöhen, die in manchen Sprachen „nach oben“ gehen, in anderen jedoch „schrumpfen“, sich „im Kreis bewegen“, „kleiner“ oder „leichter“ werden, alle auf einem geordneten System primitiver Vorstellungen: typischerweise einem Objekt, das sich von Punkt A nach Punkt B bewegt oder transformiert, der Kraft, die nötig ist, um das Objekt in Bewegung zu setzen, der Energie zur Aufrechterhaltung der Bewegungsrichtung sowie der Zerlegung in „Einheiten“, um die Schritte dieser Bewegung zu markieren.
Im Vortrag werde ich illustrieren, wie dieses „Meta-Schema der Tonhöhenentwicklung“ anhand von Wahrnehmungsexperimenten, historischen Texten, anthropologischen Befunden und multimodalen Materialien (z. B. Opernaufführungen oder Albumcovern) erkennbar wird.
Labor- und Online-Studien haben gezeigt, dass Musik mentale Bilder beeinflusst und Imaginationen lenkt. Verfahren der natürlichen Sprachverarbeitung (Natural Language Processing, NLP) haben sich als nützlich erwiesen, um die Inhalte solcher Imaginationen zu untersuchen. Dabei wurde sichtbar, dass Hörerinnen und Hörer innerhalb kultureller Kontexte bei narrativen Interpretationen musikalischer Ausschnitte zu gemeinsamen Vorstellungen konvergieren (Margulis et al., 2022). Allerdings wurden NLP-Ansätze bislang noch nicht auf Imaginationen angewandt, die durch Live-Musik hervorgerufen werden – also in Situationen, in denen die Demografie des Publikums stärker variiert und die musikalischen Stimuli deutlich länger sind als die in laborbasierten NLP-Paradigmen üblichen 30–90 Sekunden langen Ausschnitte.
Dieser Vortrag präsentiert eine Analyse frei formulierter Imaginationen, die während eines Live-Kammermusikkonzerts hervorgerufen wurden. Das Konzert war Teil einer professionell veranstalteten Abonnementreihe und umfasste Werke von Beethoven, Brahms und Stephen Hough. Die Zuhörerinnen und Zuhörer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus, in dem sie autobiografische Erinnerungen und fiktive Geschichten beschrieben, die sie mit bestimmten musikalischen Sätzen verbanden. Wichtig dabei ist, dass die Teilnehmenden nicht im Vorhinein rekrutiert wurden: Sie wurden direkt vor Ort eingeladen, den Fragebogen auszufüllen, wodurch eine reale Konzertbesucherpopulation untersucht werden konnte. Insgesamt wurden 447 Erzählungen von 167 Personen gesammelt.
Analysen mithilfe von Satz-Embeddings (SBERT) sowie Wort-Embeddings (word2vec) zeigten, dass die Imaginationen durch den musikalischen Inhalt gelenkt wurden. Innerhalb einzelner Sätze waren die individuellen Imaginationen signifikant ähnlicher zum Durchschnitt aller anderen semantischen Embeddings desselben Satzes (dem Gruppen-„Konsens“) als zu den durchschnittlichen Embeddings anderer Sätze. Konkret zeigte die Mixed-Effects-Modellierung einen signifikanten Haupteffekt für den Vergleich zwischen innerhalb- und außerhalb-des-Satzes-Ähnlichkeiten (SBERT: β = 0,06, SE = 0,01, t = 9,75, p < .001; word2vec: β = 0,04, SE = 0,01, t = 6,65, p < .001). Darüber hinaus wird auch der semantische Gehalt auf Ebene einzelner musikalischer Sätze diskutiert.
Die Ergebnisse erweitern bisherige Forschung auf ein naturalistisches Paradigma mit vollständigen Musikstücken und zeigen, dass selbst in realitätsnahen Kontexten individuelle Imaginationen durch musikalische Merkmale geprägt werden und zugleich in hohem Maß geteilt sein können.
Neuere Forschung zeigt, dass spontane Gedanken während des Musikhörens lebhafte autobiografische Erinnerungen und fiktionale Imaginationen umfassen. Menschen haben das Gefühl, dass ihre Imaginationen idiosynkratisch und persönlich sind, doch Analysen freier Beschreibungen zeigen, dass sie innerhalb einer Kultur tatsächlich weitgehend geteilt werden – selbst dann, wenn sie durch neue und unbekannte Musikausschnitte ausgelöst werden. Neben den gemeinsamen Inhalten entfalten sich diese Imaginationen auch in einer gemeinsamen zeitlichen Struktur. Theoretische und methodische Fortschritte bei der Untersuchung spontaner Gedanken während des Musikhörens eröffnen somit eine einzigartige Perspektive auf unwillkürliche mentale Imaginationen, die subjektiv erlebt werden und zugleich strukturell mit dem musikalischen Reiz verbunden sind.
Im Mittelpunkt meines Beitrags stehen Bewegungs-Gestalten des Körpers als Grundlage mentaler Bilder musikalischen Klangs – in dem, was ich als Klang-Bewegungs-Objekte (sound-motion objects) bezeichnet habe. Eine vertiefte Betrachtung der Eigenschaften klangerzeugender Bewegungen kann uns eine breitere ökologische Grundlage für das Verständnis von Gestaltbildung in musikalischer Imagination liefern.
Es lässt sich zeigen, dass grundlegende Bewegungsprinzipien wie Frequenz, Amplitude und Quantität sowie deren Ableitungen wie Geschwindigkeit, Beschleunigung, Ruck (jerk) und Impulsänderung (snap) in klangerzeugenden Bewegungen enthalten sein können. Ebenso können Prinzipien der motorischen Kontrolle wie Koartikulation und Phasenübergänge präsent sein. Daher kann angenommen werden, dass all diese Aspekte – in unterschiedlichem Ausmaß – integrale Bestandteile musikalischer Imagination darstellen, in dem, was ich als motormimetische Imagination bezeichnet habe.
Mein zentraler Punkt ist, dass diese bewegungsbezogenen Eigenschaften real sind, insofern sie tatsächlichen musikalischen Aufführungen angehören. Gleichzeitig entziehen sie sich jedoch häufig konventionelleren, notenzentrierten westlichen Vorstellungen musikalischer Imagination.
Schizoid strukturierte Klient:innen stellen in der verbalen Psychotherapie häufig eine besondere Herausforderung dar – aufgrund ihrer Tendenz zu emotionalem Rückzug, Dissoziation und Intellektualisierung. Obwohl sie oft über ausgeprägte Reflexionsfähigkeiten verfügen, kann die Herstellung emotionalen Kontakts innerhalb von Ansätzen wie der Gestaltpsychotherapie schwierig sein, was nicht selten zu therapeutischer Stagnation führt.
Dieser Vortrag untersucht, wie Guided Imagery and Music (GIM) die therapeutische Arbeit mit schizoid strukturierten Klient:innen unterstützen kann, indem emotionales und symbolisches Material zugänglich gemacht wird, das über verbale Interaktion allein nicht erreichbar bleibt. GIM nutzt Musik, um veränderte Bewusstseinszustände und spontane Imaginationen zu fördern, wodurch Klient:innen ihre inneren Erfahrungen über Bilder, Metaphern und narrative Prozesse erkunden können.
Schizoid strukturierte Menschen verfügen häufig über ein reiches inneres Fantasieleben, das nicht ausschließlich als Abwehrmechanismus verstanden werden sollte, sondern auch als therapeutische Ressource genutzt werden kann. GIM eröffnet einen direkten Zugang zu dieser imaginalen Welt, in der Klient:innen emotional bedeutsamen Inhalten und Beziehungsthemen in einer weniger bedrohlichen, nonverbalen Form begegnen können.
Der Vortrag zeigt auf, wie GIM innerhalb eines gestalttherapeutischen Rahmens integriert werden kann und den Übergang von imaginalem Erleben zu relationaler Verarbeitung unterstützt. Klinische Einblicke veranschaulichen, wie Musik und Imagination emotionalen Zugang, symbolischen Ausdruck und eine stärkere Integration fördern können, indem sie die Kluft zwischen kognitiver Einsicht und gelebter emotionaler Erfahrung überbrücken.