Keynote Speakers

Musikkognition

Marc Leman, 
Ghent

Marc Leman, Ghent

Marc Leman leitete mehrere Jahrzehnte lang das Institut für Psychoakustik und Elektronische Musik (IPEM) an der Universität Gent, wo er als Professor für Systematische Musikwissenschaft tätig war. Seine Arbeit wurde weithin für ihre wegweisende interdisziplinäre Forschung in der Musikwissenschaft gewürdigt, die erfolgreich Bereiche wie Informatik, Musikinformationsgewinnung, Neurowissenschaften, Verhaltenswissenschaften, Bewegungswissenschaften, Musikanalyse und Akustik miteinander verband. Im Laufe seiner Karriere hat er mehr als 350 wissenschaftliche Publikationen verfasst, darunter mehrere einflussreiche Bücher, die bei MIT Press, Routledge und Springer erschienen sind. Prof. Leman gilt weithin als einer der Begründer des „Embodied Music Cognition“-Konzepts, das auf seinem wegweisenden Buch „Embodied Music Cognition and Mediation Technology“ (MIT Press, 2007) basiert. Er hat zahlreiche nationale und internationale Forschungsstipendien erhalten, darunter die renommierte Methusalem-Förderung und mehrere Horizon-2020-Projekte. Im Laufe seiner Karriere hat er viele Forscher betreut und deren Karrieren ins Leben gerufen, die heute Positionen in ganz Europa und international bekleiden und zur weiteren Entwicklung der interdisziplinären Musikforschung beitragen.

Musical Joint Action

Peter M. Keller, Aarhus

Peter M. Keller, AarhusPeter E. Keller

ist Professor für Neurowissenschaften am Center for Music in the Brain und am Institut für Klinische Medizin der Universität Aarhus und  einer weiteren Anstellung am MARCS Institute for Brain, Behaviour and Development der Western Sydney University.

Durch die Kombination von Ansätzen aus Psychologie, Neurowissenschaften und Musikwissenschaft hat Prof. Keller maßgeblich dazu beigetragen, das Verständnis dafür zu vertiefen, wie Menschen ihre Handlungen untereinander in komplexen musikalischen Kontexten synchronisieren. 

Seine Arbeit verbindet Verhaltensexperimente, Motion-Capture-Techniken und neurophysiologische Methoden, um Ensemble-Performance, sensomotorische Synchronisation und die Rolle der prädiktiven Verarbeitung in Musik und sozialer Interaktion zu untersuchen.

Im Laufe seiner Karriere war er in mehreren Ländern tätig und hat umfangreiche internationale Kooperationen aufgebaut, was den stark internationalen Charakter seiner Forschung widerspiegelt.

Keller hat zahlreiche Beiträge in führenden Fachzeitschriften der Kognitionswissenschaft, Psychologie und Neurowissenschaft veröffentlicht und zahlreiche internationale Forschungskooperationen sowie geförderte Projekte geleitet. 

Durch seine wissenschaftliche Arbeit und seine Mentorentätigkeit hat er eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung des interdisziplinären Feldes der Musikkognition und der wissenschaftlichen Erforschung musikalischer Interaktion gespielt.

Abstract

Musikalische Gruppen als soziale Gestalten

Kollektives Musizieren in Gruppen ist ein wirkungsvolles Medium für nonverbale Kommunikation, soziale Bindung und kulturelle Weitergabe. Um diese Funktionen zu erfüllen, streben Mitwirkende in der Regel danach, kohärente mehrstimmige Klangstrukturen zu erzeugen, bei denen einzelne instrumentale oder vokale Stimmen ineinandergreifen und gemeinsam hörbare Gestalten bilden.

Meine Forschung untersucht, wie dieser Prozess durch sogenannte „Ensemble-Fähigkeiten“ ermöglicht wird. Diese befähigen Individuen dazu, die Klänge anderer durch antizipierende auditive Vorstellung vorherzusagen, sich kontinuierlich an Variationen in Timing und Intensität durch automatische Synchronisation und bewusste Abstimmung anzupassen sowie gleichzeitig die eigenen und die Handlungen anderer in Echtzeit wahrzunehmen.

Ich werde einen Überblick über Forschungsarbeiten geben, die diese Ensemble-Fähigkeiten untersuchen, und dabei zeigen, (1) wie sie verhaltensbezogen mithilfe kontrollierter Laborparadigmen sowie naturnaher musikalischer Aufgaben erforscht werden können, (2) wie ihr komplexes Zusammenspiel durch computergestützte Modellierung erfasst werden kann und (3) wie neurowissenschaftliche Methoden Einblicke in die zugrunde liegenden Gehirnprozesse liefern.

Insgesamt zeigt diese Forschung, wie Ensemble-Fähigkeiten grundlegende sensomotorische Prozesse mit übergeordneten sozial-kognitiven Faktoren (z. B. Persönlichkeit) verknüpfen und es interagierenden Individuen ermöglichen, das Gleichgewicht zwischen psychologischen Repräsentationen von „Selbst“ und „Anderen“ zu regulieren. Hörbare Gestalten im gemeinsamen Musizieren können somit als Ausdruck sozialer Beziehungen verstanden werden. Das Konzept der Ensemble-Fähigkeiten bietet dabei einen mechanistischen Zugang zu diesen sozialen Gestalten und ermöglicht es, komplexe Muster kollektiven Verhaltens entlang eines Spektrums von messbaren sensomotorischen bis hin zu sozialen Prozessen zu analysieren.

Geschichte der Philosophie

Fiorenza Toccafondi,
Florence

Fiorenza Toccafondi, FlorenceFiorenza Toccafondi ist Professorin für Philosophiegeschichte an der Universität Florenz; zuvor lehrte sie Geschichte der zeitgenössischen Philosophie an der Universität Parma. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Phänomenologie, Ontologie und europäische Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts, wobei sie sich insbesondere mit den Beziehungen zwischen Philosophie und Wissenschaft, der Gestalt-Tradition sowie dem Denken von Autoren wie Karl Bühler, Ludwig Klages und Max Scheler befasst. Seit 2002 ist sie Mitglied der Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA). Von 2005 bis 2016 war sie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Europäische Wissenschaftskultur. Sie war Chefredakteurin von „Gestalt Theory. An International Multidisciplinary Journal“ und ist derzeit Mitherausgeberin von „Intersezioni. Zu ihren Büchern zählen „I linguaggi della psiche“ (1995), „L’essere e i suoi significati“ (2000), „Il tutto e le parti“ (2000), „Mente, mondo e affetti“ (2019) und „Max Scheler. L’ambiente, gli altri, i valori“ (2023).

Abstract

Ein Programm zwischen zwei Welten: Carl Stumpf und die Berliner Gestaltpsychologie.

Dieser Beitrag zielt darauf ab, die Besonderheiten von Stumpfs Ansatz und dessen Bedeutung während seiner Tätigkeit in Berlin herauszuarbeiten, die in seiner Ernennung zum Direktor des „Instituts für Experimentelle Psychologie“ gipfelte. Sein Ansatz zeichnete sich durch die Betonung des fruchtbaren Zusammenspiels zwischen philosophischer Reflexion und empirischer Forschung aus. Genau diesen Ansatz übernahmen die Vertreter der Gestaltpsychologie, die ihn in den Jahren der Weimarer Republik weiter vorantrieben. Was jedoch seine Rezeption innerhalb der Philosophie betrifft, stieß dieses Programm auf erheblichen Widerstand. Im Kontext der Weimarer Republik setzte sich zunehmend das Ideal einer „reinen“ Philosophie durch – verstanden als streng philosophische Erkenntnistheorie und als transzendentale Phänomenologie –, die weitgehend frei von einer nennenswerten Auseinandersetzung mit den empirischen Wissenschaften war. Der Beitrag versucht, sowohl die Fruchtbarkeit als auch die anhaltende Relevanz dieses Ansatzes hervorzuheben, wie er von der Berliner Gestalt-Schule in Anlehnung an Stumpfs Modell entwickelt wurde. Neben dieser Kontinuität wird er auch auf Unterschiede zwischen Carl Stumpf und den Berliner Gestaltpsychologen aufmerksam machen, unter besonderer Berücksichtigung von Fragen der Wahrnehmung und des Begriffs der Empfindung.

Geschichte der Psychologie

Mauro Antonelli, Milan

Mauro Antonelli, MilanMauro Antonelli 

ist ordentlicher Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Milano-Bicocca und Privatdozent für Philosophie an der Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte und Philosophie der Psychologie, der Phänomenologie und der phänomenologischen Psychologie, wobei er sich insbesondere mit der Entwicklung der phänomenologischen Tradition im Österreich und Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts befasst. Er ist Chefredakteur des European Yearbook of the History of Psychology (Brepols) und der Buchreihe „Studien zur österreichischen Philosophie“ Meinong Studien / Meinong Studies (De Gruyter). Er ist Autor zahlreicher Bücher, Artikel und Aufsätze, die national und international veröffentlicht wurden. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen „Vittorio Benussi in the History of Psychology: New Ideas of a Century Ago“ (2018); „Franz Brentano: Critical Assessment“ (2018, 4 Bände, gemeinsam mit F. Boccaccini); sowie „Franz Brentano, Gustav Theodor Fechner: Briefwechsel über Psychophysik, 1874–1878“ (2015).

Abstract

Gestalt zwischen Wissenschaft und Weltanschauung:
Der Briefwechsel Ehrenfels-Wertheimer (1914–1932)

Der Vortrag unternimmt eine Neulektüre der Entstehung der Gestalttheorie auf der Grundlage des bislang unveröffentlichten Briefwechsels zwischen Christian von Ehrenfels und Max Wertheimer (1914–1932). Im Zentrum steht die These, dass die Differenz zwischen beiden nicht als lineare Weiterentwicklung, sondern als Ausdruck einer grundlegenden Spannung zwischen Wissenschaft und Weltanschauung zu verstehen ist, die im Gestaltbegriff selbst ihren begrifflichen Ort findet. Die Korrespondenz erweist sich als privilegierter Zugang zu den Konstellationen, in denen sich die Genese dieses Paradigmas vollzieht, und erhellt zugleich das von theoretischen Konflikten und institutionellen Dynamiken geprägte akademische Milieu des frühen 20. Jahrhunderts in Prag. Sichtbar werden dabei insbesondere die Schwierigkeiten Wertheimers im Prozess seiner akademischen Etablierung sowie die ambivalente Rolle von Ehrenfels. Im Zentrum der Analyse steht die begriffliche Problematik der Gestalt. Während Ehrenfels den Gestaltbegriff in einem kosmologisch fundierten und auf Weltanschauung hinausgreifenden Horizont entfaltet, bestimmt Wertheimer ihn als strikt empirisch orientiertes Strukturprinzip, das auf die Einheit der Erfahrung zielt. Der Briefwechsel bringt damit nicht nur eine theoretische Divergenz zur Geltung, sondern verweist auf zwei unterschiedliche Weisen, das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie zu bestimmen. Die Genese der Gestalttheorie erscheint so als Resultat einer epistemologischen Spannung, deren Tragweite bis in gegenwärtige Debatten hineinreicht.

Wissenschafts-philosophie

Vincenzo Fano, Bologna

Vincenzo Fano, BolognaVincenzo Fano

ist ordentlicher Professor für Logik und Wissenschaftsphilosophie an der Universität Urbino „Carlo Bo“. Seine Forschungsgebiete umfassen Physikphilosophie, Erkenntnistheorie, Philosophiegeschichte und Metaphysik, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Philosophie liegt. Derzeit ist er Präsident der Italienischen Gesellschaft für Logik und Wissenschaftsphilosophie (SILFS), Direktor der Urbino Summer School in Epistemology und Direktor der Urbino International School in Philosophy and Foundations of Physics. Außerdem ist er Mitglied der Académie Internationale de Philosophie des Sciences. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel in führenden Fachzeitschriften und hatte Gastprofessuren an Institutionen wie der University of Western Ontario, der University of Pittsburgh und der Universität Helsinki inne.

Abstract

Carl Stumpf als Epistemologe der Wahrscheinlichkeit

Stumpfs zwei 1892 veröffentlichte Aufsätze zur Wahrscheinlichkeit sind Meisterwerke der Wissenschaftsphilosophie, verfasst von einem großen Psychologen und Philosophen. Johannes von Kries’ bahnbrechendes Werk zur Wahrscheinlichkeit war gerade erschienen. Stumpf entwickelt eine Position, die zwischen den Perspektiven von von Kries und Laplace liegt, und schlägt eine originelle Sichtweise vor, in der psychologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Sein Ansatz wurde später vom Frequentisten Reichenbach kritisiert, bleibt aber bis heute einer der interessantesten in der Wissenschaftsphilosophie. Fedde Benediktus hat ihn als eine Form des objektiven Bayesianismus definiert. Dieser Vorschlag wird hier untersucht.

Musik-psychologie

Liila Taruffi,
Hong Kong

Liila Taruffi, Hong KongLiila Taruffi

ist Assistenzprofessorin an der Musikakademie der Hong Kong Baptist University und verfügt über einen interdisziplinären Hintergrund, der Natur- und Geisteswissenschaften umfasst. Sie hat einen BA und MA in Musikphilosophie sowie einen MSc und PhD in Musikpsychologie und war in Forschungs- und Lehrpositionen an der Freien Universität Berlin und der Durham University, Großbritannien, tätig. Ihre Arbeit verbindet kognitive Psychologie, Ästhetik und Neurowissenschaften und konzentriert sich auf innerlich orientierte mentale Erfahrungen beim Musikhören – insbesondere auf Gedankenwandern und visuelle Vorstellungen. Im Jahr 2017 veröffentlichte sie die erste empirische Studie, die Gedankenwandern mit Emotionen beim Musikhören in Verbindung brachte, und leistete damit Pionierarbeit auf diesem Forschungsgebiet. Sie hat die Forschung zu mentalen Bildern durch theoretische Rahmenkonzepte, empirische Studien, Symposien und den von ihr herausgegebenen Sammelband „Music and Mental Imagery“ (Routledge, 2022) neu belebt. Sie hat in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter „Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience“, „Music Perception“, „Musicae Scientiae“, „PLOS ONE“ und „Scientific Reports“. Ihre laufenden Forschungsprojekte, die durch das Early Career Scheme des Hong Kong Research Grant Council gefördert werden, untersuchen den Zusammenhang zwischen Musikhören, Gedankenwandern und Kreativität sowie die Konnektivitätsmuster im Gehirn, die den durch Musik hervorgerufenen visuellen mentalen Bildern zugrunde liegen.

Abstract des Keynote-Beitrags

Den Geist einstimmen: Wie Musik das innere mentale Erleben prägt

Innere mentale Erfahrungen beim Musikhören, wie Gedankenwandern und mentale Bilder, haben in jüngster Zeit eine zentrale Rolle in der Musikpsychologie eingenommen. Sie sind bei Zuhörern weit verbreitet, können den Musikgenuss steigern und sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Bislang haben sich die meisten Untersuchungen darauf konzentriert, wie sich musikalische Merkmale (z. B. wahrgenommene oder empfundene Emotionen, Tempo) auf die Phänomenologie der Gedanken und Bilder der Zuhörer auswirken. Grundlegende Fragen sind jedoch noch unzureichend erforscht: (_i_) die musikspezifischen Mechanismen, durch die Musik Episoden des Gedankenwanderns ermöglicht, einschließlich mentaler Bilder; (_ii_) die neuronalen Korrelate dieser subjektiven Erfahrungen; und (_iii_) die potenziellen Vorteile solcher inneren Kognitionen für die psychische Gesundheit und Kreativität. Darüber hinaus hat diese Literatur neurokognitive Forschung zum Gedankenwandern nur in geringem Maße einbezogen, was zu einer Diskrepanz sowohl in der Theorie als auch in den Methoden führt.

In diesem Vortrag werde ich einen Überblick über meine jüngsten Arbeiten zu diesen Themen geben, in denen ich neuartige Methoden verwende, darunter Daten aus Hörversuchen in Kombination mit psychometrischer Netzwerkanalyse und Analysen der Gehirnkonnektivität. Ich werde Belege hervorheben, die zeigen, dass Musik innere mentale Erfahrungen und deren zugrunde liegende Gehirn-Netzwerk-Dynamik auf einzigartige Weise prägt, dass der durch Musik und Klänge unterstützte mentale Raum kreative Inkubation fördert und dass durch Musik hervorgerufene Bilder wirkungsvolle, praktische Anwendungen in einer Reihe von Bereichen haben, wie etwa in der Therapie und im Sport.