Tagungsprogramm
Die Konferenz befasst sich mit Konzepten und Anwendungen von „Bildhaftigkeit“ und „Handlung“ im weitesten Sinne. „Bildhaftigkeit“ umfasst das Abschweifen der Gedanken sowie kinästhetische und multimodale Dimensionen. „Action“ zielt spezifisch auf Handlungsmodalitäten in der Psychotherapie (gestalttheoretische Psychotherapie und morphologische Psychologie). Das Konferenzprogramm umfasst Keynote-Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops, Free Papers-Sitzungen, Besuche historischer Tonarchive, eine Easy-Listening-Session und ein Konzert. Außerdem planen wir einen geführten Rundgang zu den historischen Stätten der Gestaltforschung in Berlin-Mitte. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.
Mittwoch 16. September
Ort: Tieranatomisches Theater | Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Nord, Haus 3, Philippstraße 13
Vorveranstaltung
Geführter Stadtrundgang zu den historischen Stätten der Gestaltforschung in Berlin-Mitte
Treffpunkt:
Statue von Friedrich Wilhelm Hegel am Hegelplatz, hinter dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität, Dorotheenstraße 24, 10117 Berlin.
Social Event
Meet & Greet
sowie Registrierung
Eröffnung
Feierliche Eröffnung der Konferenz
mit Grußworten
Preisverleihung
Wolfgang-Metzger-Preis, Teil I
Ivana Bianchi & Roberto Burro sowie Verleihung des Bozzi-Preises
Eröffnungsvortrag
Marc Leman, Ghent
Gestalt in Modern Music Research mehr Infos
Social Event
Begrüßungsgetränk
im Anschluss an den Eröffnungsvortrag
Donnerstag 17. September
Ort: Dorotheenstrasse 24
ab 19 Uhr Institut für Musikwissenschaft, Am Kupfergraben 5
Panels, Free paper sessions und key-notes
Alle Veranstaltungen finden im Hörsaal-Gebäude Dorotheenstrasse 24 statt. Die anschließende Gestalt Sound Lounge im Institut für Musikwissenschaft, Am Kupfergraben 5.
Freitag 18. September
Workshops, Panels, Free Paper Sessions an verschiedenen Standorten
Workshops
Free Papers
Free Papers
Workshop
Keynote
Panel
Panel
Free Papers
Keynote
Versammlung
Social Event
Samstag 19. September
BSP Business & Law School, Calandrellistr. 1-9, 12247 Berlin (Lankwitz)
Workshops, Keynote-Vortrag, Preisverleihung, Salonkonzert
Workshop
Gestalttheoretische Psychotherapie & Analytische Intensivberatung
Free Papers
Keynote
Vortrag Mauro Antonelli
mit einer Einleitung von Laura Levetzow
mehr Infos
Preisverleihung
Metzger-Preis, Teil II
Nora Binder
Salonkonzert
Salonkonzert
„Kommt ins Offene, Freunde!“ – Der freie Geist
des Romanischen Cafés mehr Infos
Sebastian Klotz, Paola Tenchini, Serena Cattaruzza, Walter Coppola, Julia Kursell, Riccardo Martinelli, Savina Raynaud
Unter Berücksichtigung der Orte und Infrastrukturen, die Carl Stumpfs philosophisches Denken prägten, untersucht dieser Aufsatz, wie er ein Gleichgewicht zwischen seinem erkenntnistheoretischen Programm und den experimentellen sowie materiellen Verfahren wahrte, die er aus phänomenologischer Sicht betrachtete. Im Streben nach einer allgemeinen Urteilstheorie und einer umfassenden Erkenntnistheorie, die sowohl die logischen als auch die perzeptiven Dimensionen des Wissens integrierte, bezog er verschiedenste Phänomene in seine Arbeit ein: Klänge von Musikinstrumenten, durch Phonographen und Telefone vermittelte Sprach- und Musiklaute sowie eigens konstruierte große Versuchsaufbauten – etwa das Interferenzsystem zur Erforschung der Vokalbildung und -wahrnehmung. Zudem führte er interaktive Interview- und Aufnahmesitzungen zum Tonbewusstsein mit außereuropäischen Musikern durch, wobei er Tonometer, einheimische und westliche Musikinstrumente sowie Phonographen einsetzte. Die Vielfalt der diskursiven Netzwerke (im Sinne von Friedrich Kittlers „Aufschreibesystemen“) und der damit verbundenen Beobachtungs- und Forschungspraktiken, auf die Stumpf zurückgriff, ist bemerkenswert.
Der Aufsatz legt dar, dass diese Ausrichtung die wachsende Bedeutung der experimentellen Ausbildung von Wissenschaftlern in der Physiologie und Psychologie des späten 19. Jahrhunderts widerspiegelt und Stumpfs philosophische Position maßgeblich geprägt hat. Sie trug wesentlich zur Modernität seiner Wissensproduktion bei. Diese war geprägt von strenger philosophischer Reflexion (Logik, Metaphysik, Eidologie, Phänomenologie, Wissenschaftstheorie), verbunden mit einer programmatischen Offenheit gegenüber allen Orten, an denen Phänomene hervorgebracht wurden – was sich etwa in der Gründung von Forschungsinfrastrukturen wie dem Berliner Phonogramm-Archiv manifestierte. Diese doppelte Ausrichtung ermöglichte es Stumpf, sich auf reflexive und empirisch fundierte Weise mit Phänomenen wie Gestalten und Komplexeindrücken auseinanderzusetzen und diese philosophisch zu erforschen. Dieser Aspekt verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihm bislang zuteilwurde.
Im prägnanten Vorwort zu *Sprachlaute* (1926) – einem Werk, das in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum feiert – hebt Carl Stumpf die Kernpunkte dieser umfassenden, bereits 1913 begonnenen Untersuchung hervor. Wie Karl Bühler (1927) anmerkte, ließ sich Stumpf zwar von der Lehre seines ersten Lehrers Brentano inspirieren – wonach Sinnesphänomene lediglich die „Rinde“ des psychischen Lebens darstellen –, doch widmete er einen Großteil seiner Forschungstätigkeit, insbesondere seiner experimentellen Arbeit, gerade der Erforschung dieser Phänomene (was an Simone Weils Betonung der „Rauheit“ der Realität erinnern mag). Ein meisterhaftes Zeugnis hierfür ist seine *Tonpsychologie* (1883/90), ein unverzichtbares Fundament der Psychologie von Klang und Musik. Nicht weniger bedeutend ist jedoch sein Werk *Sprachlaute* (mit dem Untertitel *Experimentell-phonetische Untersuchungen*), das an das frühere Werk anknüpft und zugleich weitere, breitere Forschungsfelder erschließt.
Während der schrecklichen Jahre des Ersten Weltkriegs entwickelte und verfeinerte Stumpf – inmitten der surrealen Stille seines Berliner Labors – unzählige Beobachtungen auf dem Gebiet der Akustik; es gelang ihm sogar, die Bestandteile von Flüstertönen zu analysieren. Damit trieb er die phonetische Forschung in der Nachfolge Helmholtz’ voran, ließ sich jedoch vor allem von Wolfgang Köhlers Studien zu Vokalen inspirieren. Der theoretische Kern des Werks befasst sich nicht mit den zahllosen möglichen technischen Anwendungen (von der Medizin bis zur Ingenieurwissenschaft), sondern vielmehr mit der Entstehung sogenannter „Komplexqualitäten“, deren markanteste Beispiele Klangfarben und Vokale sind. Auf dieser Grundlage lässt sich eine wünschenswerte Verbindung zwischen Sprachforschung und Gesangstheorie postulieren, wenngleich – wie Stumpf anmerkt – das Interesse von Sprachtheoretikern an einer solch ungewöhnlichen Untersuchung keineswegs selbstverständlich ist. In seiner *Sprachtheorie* (1934) betrachtet Bühler *Sprachlaute* als das ausgereifte Meisterwerk des Berliner Gelehrten, der zwar den Gipfel der Phonetik erreichte, jedoch nicht den weiteren Schritt zur eigentlichen Phonologie vollzog. Auf diesen und weitere damit zusammenhängende Aspekte wird im vorliegenden Beitrag eingegangen.
Dieser Beitrag untersucht, wie Carl Stumpf die musikalische Komposition in seine Überlegungen einbezieht. Ausgangspunkt ist eine Beobachtung zur melodischen Bewegung, die er im zweiten Band seiner *Tonpsychologie* (1890) schildert. Unter der Überschrift „Qualitative Urteile über komponierte Klänge“ beschreibt Stumpf den Eindruck, dass das Klangbild verschiedener Kompositionen von Beethoven und Schubert als bewegt wahrgenommen wird, obwohl sich einzelne Stimmen in der Partitur nicht bewegen. Davon ausgehend verfolge ich drei Fragestellungen: 1) Wie äußert sich Stumpf zu komponierten Klängen in Bewegung? 2) Wie bettet er seine Bezugnahmen auf Kompositionen an anderen Stellen seiner Publikationen ein? Und 3) wie bringt er seine Erfahrung als versierter Violinist ein? Auf diese Weise erhoffe ich mir erstens Aufschluss darüber, wie sein Konzept des komponierten Klangs mit dem der klanglichen Bewegung zusammenhängt; zweitens, wie sich seine früheren Beobachtungen zu komponierten Klängen in der Musik zu seinem späteren Konzept komplexer Qualitäten verhalten; und drittens, wie Stumpf Belege gewinnt. Meine These lautet, dass die Verweise auf Beethoven und Schubert in *Tonpsychologie II* Teil einer Entwicklung hin zur Erzeugung – statt bloßen Sammlung – von Belegen sind.
Carl Stumpfs intellektuelles Profil wurde lange Zeit durch seine Verbindung zu Franz Brentano überschattet. Eine genauere Betrachtung offenbart jedoch einen Denker, der aus einer Vielzahl von Einflüssen schöpfte – darunter Lotze, Ernst Heinrich Weber und Gustav Theodor Fechner – und diese zu einer eigenständigen und originellen Philosophie verband. Unter diesen Einflüssen ist die Beziehung zu Fechner in der wissenschaftlichen Literatur am wenigsten beachtet worden. Stumpf erkannte Fechners entscheidende Rolle bei der Erneuerung der Philosophie durch die empirische Wissenschaft an, und seine *Tonpsychologie* verbindet methodische Elemente, die sowohl auf Brentano als auch auf Fechner zurückgehen. Zugleich lehnte Stumpf Fechners Zwei-Aspekte-Theorie von Geist und Körper ab und kritisierte deren metaphysische Unklarheit. Entscheidend ist, dass sich beide Denker intensiv mit Spinoza auseinandersetzten und zu verwandten, aber dennoch unterschiedlichen Interpretationen gelangten: Während Fechner den spinozistischen Parallelismus modifizierte, indem er eine kausale Wechselwirkung zwischen den Reihen zuließ, interpretierte Stumpf Spinoza unter dem Gesichtspunkt der Intentionalität neu und sah in der Beziehung zwischen Geist und Objekt eine Alternative zum Parallelismus. Trotz ihrer Unterschiede stimmen Fechner und Stumpf somit darin überein, über den psychophysischen Parallelismus hinauszugehen.
Das Thema des vorliegenden Aufrufs und der Veranstaltungsort Berlin boten die Gelegenheit, mit Wilhelm von Humboldt einen bekannten Berliner (und Gründer der gastgebenden Universität) zu lesen, um einige seiner grundlegenden Beiträge zur Erforschung einer lebendigen menschlichen Fähigkeit hervorzuheben: der Sprachfähigkeit. Diese prägt unsere sprachliche, insbesondere onomatologische/lexikalische Kreativität und interlinguistische Kompetenz auf so unterschiedliche Weise, dass sie als „gestaltisch“ verstanden werden kann.
Ein erster Beitrag gebührt dem Sprachphilosophen Anton Marty, einem Schüler Franz Brentanos, dem Autor der „Psychologie vom empirischen Standpunkt“ (1874).
Wir erinnern auch an die tiefe Freundschaft und berufliche Partnerschaft mit Carl Stumpf, insbesondere in Prag in den frühen 1880er Jahren, einer für beide besonders fruchtbaren und lohnenden Zeit: Marty als Autor der „Subjektlosen Sätze“ und Stumpf als Autor des ersten Bandes der „Tonpsychologie“ (Fisette, 2018).
Eine empirische Perspektive markiert in Martys Werken eine relevante Abkehr von seinem ursprünglichen intellektuellen Ansatz hin zu einem sinnlicheren/erfahrbareren: von der Abstraktion (Thema seines ersten unveröffentlichten Essays von 1867) zur Imagination, von der Begriffsauswahl zum Vergleich sinnlicher Merkmale, die vielfältige und anregende Zugänge zur sprachlichen Symbolisierung eröffnen. [Vergleichen wir beispielsweise das englische Wort „different“ mit dem deutschen „verschieden“: zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen für das, was „anderswohin bringt“ (lateinisch dis + fero) bzw. das, was „getrennt ist“ (deutsch ver + scheiden): also Ziel vs. Ursprung.]
Nach seiner ersten aristotelischen Prägung wirkte Marty in einem mehrsprachigen Umfeld, nämlich in Prag, wo Tschechisch (eine slawische Sprache) das „kaiserliche“ Deutsch der Habsburgermonarchie verdrängte, [ganz zu schweigen von der metalinguistischen Auseinandersetzung mit den klassischen Sprachen, die in der Schweiz zur Schule gelernt wurden (Latein und Griechisch), und der Schweizer Mehrsprachigkeit selbst]. Das Thema des Hauptwerks von Wilhelm von Humboldt (Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, 1836) zeugt von unterschiedlichen Weltansichten, die verschiedene gleichzeitig auftretende Merkmale desselben Objekts, Ereignisses, derselben Beziehung usw. sowie den intersubjektiven Kommunikationsaustausch in den Mittelpunkt stellen.
Wenn dieses Merkmal, insbesondere Martys figürliche innere Sprachform, die Signifikanten innerhalb jeder historischen natürlichen Sprache prägt, trägt ein weiterer Ansatz dazu bei, unterschiedliche epistemische Zugänge zu derselben Bedeutung zu modellieren.
Um die historiografische Rekonstruktion der Theorie empirisch zu untermauern, werden zahlreiche strukturierte Sprachdaten (Korpora) erwähnt und dargestellt.
Leitung: Prof. Dr. Herbert Fitzek / Prof. Dr. Marianne Soff
In diesem Panel wird die „Berliner Schule der Gestalttheorie“ und ihre Blütezeit im Psychologischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität in den Jahren 1922-1935 im Mittelpunkt stehen – von Räumen im Schloss, der damaligen Atmosphäre und Zusammenarbeit, bis hin zu wissenschaftlichen und Praxis-relevanten Weiterentwicklungen bis in die Gegenwart.
Der Vortrag analysiert die Zusammenarbeit zwischen Erich Moritz von Hornbostel und Max Wertheimer als eine bislang wenig beachtete Konstellation in der Frühgeschichte der Gestaltpsychologie. Im Zentrum steht der 1920 gemeinsam veröffentlichte Aufsatz „Über die Wahrnehmung der Schallrichtung“, der gewöhnlich vor allem als Beitrag zur frühen Psychoakustik oder zur militärischen Schallortung im Ersten Weltkrieg gelesen wird. Demgegenüber vertritt der Vortrag die These, dass die Untersuchungen zum binauralen Hören als paradigmatisches Beispiel einer genuin gestaltpsychologischen Forschungslogik verstanden werden können. Ausgehend vom wissenschaftlichen Milieu Carl Stumpfs sowie den gemeinsamen musikpsychologischen Interessen Hornbostels und Wertheimers – insbesondere Wertheimers Untersuchungen zur Musik der Vedda auf Ceylon – wird gezeigt, dass zentrale Probleme der späteren Gestalttheorie bereits im Kontext der Tonpsychologie vorbereitet wurden. Die Frage nach der Einheit der Melodie führt dabei zu einer allgemeinen Untersuchung relational organisierter Wahrnehmung. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die Forschungen zum Richtungshören nicht als bloße technische Anwendung psychologischer Erkenntnisse, sondern als experimentelle Analyse jener Bedingungen, unter denen aus minimalen zeitlichen Differenzen zwischen beiden Ohren kohärente räumliche Wahrnehmungseinheiten entstehen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der sogenannten „Zeittheorie“, den experimentell erzeugten Grenzphänomenen sowie dem Konzept der „wirksamen Basislänge“, das auf die Nichtreduzierbarkeit auditiver Wahrnehmung auf anatomisch-physikalische Gegebenheiten verweist. Abschließend wird die Nähe dieser Untersuchungen zu Wertheimers Analysen des φ-Phänomens herausgearbeitet, um die Bedeutung des auditiven Feldes für eine allgemeine Theorie zeitlich organisierter Gestaltbildung sichtbar zu machen.
Bis heute werden die zentralen Errungenschaften der Gestaltpsychologie traditionellerweise auf dem Feld der Wahrnehmungs- und Denkpsychologie und der Wissenschaftsphilosophie verortet, wie sie unter anderem durch die Arbeiten von Alexius Meinong und Christian Ehrenfels in Graz und Wien sowie Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler in Frankfurt und Berlin entwickelt wurden. Jenseits der philosophischen Lehrstube und dem wahrnehmungspsychologischen Labor widmet sich dieser Beitrag dem weniger bekannten Feld der frühen gestaltpsychologischen Anwendungsforschung in Deutschland und Österreich im Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit. Jüngere Mitarbeiter des Berliner Instituts wie Hans Rupp, Erich von Hornbostel und Kurt Lewin schlugen eine Brücke vom Labor zur Praxis, entwickelten psychologische Messinstrumente für das Militär und die Industrie und schafften so eine fruchtbare Verbindung zwischen Gestaltpsychologie und der angewandten Psychologie bzw. Psychotechnik, die mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ein abruptes Ende nahm und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgenommen wurde.
Der Beitrag schlägt den Bogen zwischen der Berliner Schule der Gestaltpsychologie und den Anfängen der angewandten Psychologie in Zürich seit den 1920er Jahren und verfolgt von dort aus die Frage nach ihrer heutigen Bedeutung. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass zwischen beiden Kontexten keine direkte institutionelle Traditionslinie bestand. Während die Berliner Gestaltpsychologie um Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka primär als theoretisch ausgerichtete Grundlagenforschung zu Wahrnehmung, Denken und psychischen Ganzheiten etabliert war, formierte sich die Zürcher angewandte Psychologie zunächst im Umfeld der Psychotechnik, der Berufsberatung und der Eignungsdiagnostik und orientierte sich an praktischen Anforderungen von Schule, Verwaltung und Arbeitswelt.
Gerade diese Ausgangsdifferenz schliesst frühe intellektuelle Berührungspunkte jedoch nicht aus. Der Vortrag zeigt, dass sich bereits in der Zwischenkriegszeit strukturelle Affinitäten erkennen lassen, etwa in der kritischen Haltung gegenüber atomistischen Erklärungsmodellen, in der Betonung situativer Bedingungen psychischen Handelns und in einem relational gefassten Menschenbild. Um diese Zusammenhänge zu erfassen, wird der Begriff der „Wahlverwandtschaften“ als heuristische Perspektive vorgeschlagen: Er bezeichnet keine Einfluss- oder Rezeptionsgeschichte, sondern verweist auf begriffliche Näheverhältnisse, die verschiedene Disziplinentwicklungen miteinander verbinden, ohne sie zwingend kausal zu verknüpfen.
Besonders sichtbar werden solche frühen Wahlverwandtschaften dort, wo gestaltpsychologische Konzepte – exemplarisch über Kurt Lewins Feldtheorie – eine Übersetzung in sozial , arbeits- und organisationspsychologische Fragestellungen erfahren und damit für Anwendungsfelder anschlussfähig werden. Vor dem Hintergrund der politischen Brüche der 1930er Jahre und der durch Emigration unterbrochenen Traditionslinien erhalten diese indirekten Anschlussprozesse zusätzliches Gewicht. In Zürich lassen sich entsprechende Entwicklungen insbesondere in der allmählichen theoretischen Erweiterung der angewandten Psychologie beobachten, etwa bei Hans Biäsch, der über eine rein psychotechnische Praxis hinaus ein systematisches, theoriegeleitetes Verständnis angewandter Psychologie vertrat.
Der Vortrag schliesst mit der Frage, was von der Berliner Gestaltpsychologie heute noch für die angewandte Psychologie in Zürich bedeutsam ist. Argumentiert wird, dass sich deren Wirkung weniger in expliziten Lehrtraditionen als vielmehr in grundlegenden Annahmen fortsetzt. In diesem Sinne erweist sich die Berliner Gestaltpsychologie als weiterhin wirksamer – wenn auch zumeist impliziter – Bezugspunkt im Selbstverständnis der angewandten Psychologie in Zürich.
Mein Lehrer Wolfgang Metzger hat die Berliner Schule der Gestalttheorie besucht und durch ihn durfte ich diesen Geist etwas kennenlernen.
Daher frage ich heute:
Was ist von diesem Geist geblieben und versuche eine Antwort auf die folgenden Teilfragen.
Was ist geblieben vom Charme des psychologischen Instituts an der Rosenstraße?
Was ist geblieben von der Leidenschaft für die Anschauung?
Was ist geblieben von der reinen und schönen Sprache?
Was ist geblieben von der universellen Bildung und Belesenheit?
Was ist geblieben von der wissenschaftlichen Bescheidenheit?
Was ist geblieben von der philosophischen Tiefe der Berliner Schule?
Was ist geblieben von der »besonderen Stellung«, welche die Psychopathologie einnehmen sollte?
Was also ist geblieben vom guten Geist der Berliner Schule der Gestalttheorie?
Dr. Angelika Böhm / Prof. Dr. Herbert Fitzek / Dr. Thomas Fuchs / Jüly Incel / Julia Rohner / Uta Wedam / Pola Zügge
Unter den gestaltpsychologischen Konzepten sind die Berliner Schule der Gestalttheorie und die Psychologische Morphologie nicht nur diejenigen, die heute noch wissenschaftlich diskutiert und praktiziert werden. Beide haben therapeutische Ansätze aus sich hevorgebracht, die im psychologischen Beratungs- und Behandlungskontext erlernt und eingesetzt werden. Wir greifen eine Diskussion auf, die vor beinahe 20 Jahren in Miesenbach (Niederösterreich) begonnen hat und die wir im Rahmen der GTA gerne fortsetzen und lebendig erhalten wollen. Für das Panel wünschen wir uns ein offenes Publikumsgespräch zu den konzeptuellen Grundlagen und zur gelebten Praxis beider Ansätze.
Die nachfolgenden Diskussionen können sich an gemeinsamen Verständigungspunkten orientieren:
1) Phänomenologie treiben: sich gemeinsam auf die Spur von sinnlichen Erfahrungen machen; innere Räume erkunden; aufkommende Bilder (bei Klienten / bei Therapeuten) zulassen; Szene beschreiben; mit Bildern arbeiten; Aufgabe, diese Bilder aufzugreifen und zu vertiefen; Bedeutung und Tragweite dieser Bilder verfolgen
2) Gestaltgesichtspunkt im Auge behalten: Prägnanzen bilden; Einsicht als Chance, Klarheit und Übersicht zu gewinnen; zugleich auch Transformationen zulassen; was impliziert das; wo führt das hin; wo kann etwas ausgeweitet, umgewandelt, variiert werden; Verrücken lernen
3) Techniken ausbilden: was heißt das für das konkrete Arbeiten; welche Vorgaben werden eingeführt; wie werden Gespräche gestaltet; was wird als Material genutzt; wie wird mit Rahmenbdingungen umgegangen; was wird von Klienten-/Therapeutenseite eingebracht
4) zentral bei alledem: die therapeutische Beziehung bzw. das gemeinsames Werk als Rahmen für alle im Therapieverlauf aufkommenden Momente: Was heißt das für die Ausgestaltung des Therapieverlaufs und das Verfolgen der Therapieziele?
Alle Punkte sollen nicht streng in dieser Reihenfolge behandelt werden, aber können als Groborientierung für den Verlauf genutzt werden. Die Mitwirkenden sehen ihre Rolle darin, Beispiele aus der Therapie bereitzustellen, die bei Bedarf zu den einzelnen Punkten eingebracht werden.
Literatur:
Beneder, D. (2009). Von Goethes Morphologie zur Psychotherapie. Eine Begegnung mit der Analytischen Intensivbehandlung (AIB). Phänomenal 1/2009, 26-29.
Endres, N. & Salber, W. (2001). Analytische Intensivberatung. Gestalttherapie 15 (2), 59-81.
Stemberger, G. (Hrsg.)(2024), Grundkonzepte der Gestalttheoretischen Psychotherapie. Der gestaltpsychologische Ansatz in der Psychotherapie. Wien: Krammer.
„Kommt ins Offene, Freunde!“
Der freie Geist des Romanischen Cafés
Die 1920er Jahre waren nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturell eine Blütezeit in Berlin. Neben politischen Kämpfen, den Krisen der jungen Weimarer Republik und bitterer Armut gab es – für wenige Jahre – die Freiheit des Geistes nach dem Ende der Wilhelminischen Zeit, eine unbändige Lebenslust, Vergnügungs- und Experimentierfreude.Das Romanische Café, Zentrum und Zuflucht für Künstlerinnen und Künstler der liberalen und linken Kunstszene im „Neuen Berliner Westen“: Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Mascha Kaleko, Else Lasker-Schüler, Ringelnatz, Bertolt Brecht, Irmgard Keun, Elias Canetti, Otto Dix, Alfred Döblin… – die Gästeliste liest sich wie ein Who is Who? des Berliner Kulturlebens in den 1920er Jahren. Und mitten drin: Claire Waldoff, der „Berliner Spatz“.
In unserem Salon „Kommt ins Offene, Freunde!“ zum Abschluss der GTA-Tagung präsentieren wir freche Chansons von Claire… in Gesellschaft von Texten legendärer Caféhaus-Besucher.
References:mit anschließendem Sektausklang
Den Geist einstimmen: Wie Musik das innere mentale Erleben prägt
Innere mentale Erfahrungen beim Musikhören, wie Gedankenwandern und mentale Bilder, haben in jüngster Zeit eine zentrale Rolle in der Musikpsychologie eingenommen. Sie sind bei Zuhörern weit verbreitet, können den Musikgenuss steigern und sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Bislang haben sich die meisten Untersuchungen darauf konzentriert, wie sich musikalische Merkmale (z. B. wahrgenommene oder empfundene Emotionen, Tempo) auf die Phänomenologie der Gedanken und Bilder der Zuhörer auswirken. Grundlegende Fragen sind jedoch noch unzureichend erforscht: (_i_) die musikspezifischen Mechanismen, durch die Musik Episoden des Gedankenwanderns ermöglicht, einschließlich mentaler Bilder; (_ii_) die neuronalen Korrelate dieser subjektiven Erfahrungen; und (_iii_) die potenziellen Vorteile solcher inneren Kognitionen für die psychische Gesundheit und Kreativität. Darüber hinaus hat diese Literatur neurokognitive Forschung zum Gedankenwandern nur in geringem Maße einbezogen, was zu einer Diskrepanz sowohl in der Theorie als auch in den Methoden führt.
In diesem Vortrag werde ich einen Überblick über meine jüngsten Arbeiten zu diesen Themen geben, in denen ich neuartige Methoden verwende, darunter Daten aus Hörversuchen in Kombination mit psychometrischer Netzwerkanalyse und Analysen der Gehirnkonnektivität. Ich werde Belege hervorheben, die zeigen, dass Musik innere mentale Erfahrungen und deren zugrunde liegende Gehirn-Netzwerk-Dynamik auf einzigartige Weise prägt, dass der durch Musik und Klänge unterstützte mentale Raum kreative Inkubation fördert und dass durch Musik hervorgerufene Bilder wirkungsvolle, praktische Anwendungen in einer Reihe von Bereichen haben, wie etwa in der Therapie und im Sport.
Gestalt zwischen Wissenschaft und Weltanschauung:
Der Briefwechsel Ehrenfels-Wertheimer (1914–1932)
Der Vortrag unternimmt eine Neulektüre der Entstehung der Gestalttheorie auf der Grundlage des bislang unveröffentlichten Briefwechsels zwischen Christian von Ehrenfels und Max Wertheimer (1914–1932). Im Zentrum steht die These, dass die Differenz zwischen beiden nicht als lineare Weiterentwicklung, sondern als Ausdruck einer grundlegenden Spannung zwischen Wissenschaft und Weltanschauung zu verstehen ist, die im Gestaltbegriff selbst ihren begrifflichen Ort findet. Die Korrespondenz erweist sich als privilegierter Zugang zu den Konstellationen, in denen sich die Genese dieses Paradigmas vollzieht, und erhellt zugleich das von theoretischen Konflikten und institutionellen Dynamiken geprägte akademische Milieu des frühen 20. Jahrhunderts in Prag. Sichtbar werden dabei insbesondere die Schwierigkeiten Wertheimers im Prozess seiner akademischen Etablierung sowie die ambivalente Rolle von Ehrenfels. Im Zentrum der Analyse steht die begriffliche Problematik der Gestalt. Während Ehrenfels den Gestaltbegriff in einem kosmologisch fundierten und auf Weltanschauung hinausgreifenden Horizont entfaltet, bestimmt Wertheimer ihn als strikt empirisch orientiertes Strukturprinzip, das auf die Einheit der Erfahrung zielt. Der Briefwechsel bringt damit nicht nur eine theoretische Divergenz zur Geltung, sondern verweist auf zwei unterschiedliche Weisen, das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie zu bestimmen. Die Genese der Gestalttheorie erscheint so als Resultat einer epistemologischen Spannung, deren Tragweite bis in gegenwärtige Debatten hineinreicht.
Ein Programm zwischen zwei Welten: Carl Stumpf und die Berliner Gestaltpsychologie.
Dieser Beitrag zielt darauf ab, die Besonderheiten von Stumpfs Ansatz und dessen Bedeutung während seiner Tätigkeit in Berlin herauszuarbeiten, die in seiner Ernennung zum Direktor des „Instituts für Experimentelle Psychologie“ gipfelte. Sein Ansatz zeichnete sich durch die Betonung des fruchtbaren Zusammenspiels zwischen philosophischer Reflexion und empirischer Forschung aus. Genau diesen Ansatz übernahmen die Vertreter der Gestaltpsychologie, die ihn in den Jahren der Weimarer Republik weiter vorantrieben. Was jedoch seine Rezeption innerhalb der Philosophie betrifft, stieß dieses Programm auf erheblichen Widerstand. Im Kontext der Weimarer Republik setzte sich zunehmend das Ideal einer „reinen“ Philosophie durch – verstanden als streng philosophische Erkenntnistheorie und als transzendentale Phänomenologie –, die weitgehend frei von einer nennenswerten Auseinandersetzung mit den empirischen Wissenschaften war. Der Beitrag versucht, sowohl die Fruchtbarkeit als auch die anhaltende Relevanz dieses Ansatzes hervorzuheben, wie er von der Berliner Gestalt-Schule in Anlehnung an Stumpfs Modell entwickelt wurde. Neben dieser Kontinuität wird er auch auf Unterschiede zwischen Carl Stumpf und den Berliner Gestaltpsychologen aufmerksam machen, unter besonderer Berücksichtigung von Fragen der Wahrnehmung und des Begriffs der Empfindung.
Carl Stumpf als Epistemologe der Wahrscheinlichkeit
Stumpfs zwei 1892 veröffentlichte Aufsätze zur Wahrscheinlichkeit sind Meisterwerke der Wissenschaftsphilosophie, verfasst von einem großen Psychologen und Philosophen. Johannes von Kries’ bahnbrechendes Werk zur Wahrscheinlichkeit war gerade erschienen. Stumpf entwickelt eine Position, die zwischen den Perspektiven von von Kries und Laplace liegt, und schlägt eine originelle Sichtweise vor, in der psychologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Sein Ansatz wurde später vom Frequentisten Reichenbach kritisiert, bleibt aber bis heute einer der interessantesten in der Wissenschaftsphilosophie. Fedde Benediktus hat ihn als eine Form des objektiven Bayesianismus definiert. Dieser Vorschlag wird hier untersucht.
Musikalische Gruppen als soziale Gestalten
Kollektives Musizieren in Gruppen ist ein wirkungsvolles Medium für nonverbale Kommunikation, soziale Bindung und kulturelle Weitergabe. Um diese Funktionen zu erfüllen, streben Mitwirkende in der Regel danach, kohärente mehrstimmige Klangstrukturen zu erzeugen, bei denen einzelne instrumentale oder vokale Stimmen ineinandergreifen und gemeinsam hörbare Gestalten bilden.
Meine Forschung untersucht, wie dieser Prozess durch sogenannte „Ensemble-Fähigkeiten“ ermöglicht wird. Diese befähigen Individuen dazu, die Klänge anderer durch antizipierende auditive Vorstellung vorherzusagen, sich kontinuierlich an Variationen in Timing und Intensität durch automatische Synchronisation und bewusste Abstimmung anzupassen sowie gleichzeitig die eigenen und die Handlungen anderer in Echtzeit wahrzunehmen.
Ich werde einen Überblick über Forschungsarbeiten geben, die diese Ensemble-Fähigkeiten untersuchen, und dabei zeigen, (1) wie sie verhaltensbezogen mithilfe kontrollierter Laborparadigmen sowie naturnaher musikalischer Aufgaben erforscht werden können, (2) wie ihr komplexes Zusammenspiel durch computergestützte Modellierung erfasst werden kann und (3) wie neurowissenschaftliche Methoden Einblicke in die zugrunde liegenden Gehirnprozesse liefern.
Insgesamt zeigt diese Forschung, wie Ensemble-Fähigkeiten grundlegende sensomotorische Prozesse mit übergeordneten sozial-kognitiven Faktoren (z. B. Persönlichkeit) verknüpfen und es interagierenden Individuen ermöglichen, das Gleichgewicht zwischen psychologischen Repräsentationen von „Selbst“ und „Anderen“ zu regulieren. Hörbare Gestalten im gemeinsamen Musizieren können somit als Ausdruck sozialer Beziehungen verstanden werden. Das Konzept der Ensemble-Fähigkeiten bietet dabei einen mechanistischen Zugang zu diesen sozialen Gestalten und ermöglicht es, komplexe Muster kollektiven Verhaltens entlang eines Spektrums von messbaren sensomotorischen bis hin zu sozialen Prozessen zu analysieren.
Gestalt in Modern Music Research
In der modernen Musikforschung können Gestalten als emergente Ergebnisse der Interaktion zwischen Individuen und ihrer Umwelt oder als Prinzipien verstanden werden, die unser Verständnis dieser Interaktionen leiten. In beiden Fällen bezeichnet Gestalt holistische Phänomene, deren Eigenschaften sich nicht auf ihre Bestandteile reduzieren lassen. In diesem Vortrag setzen wir solche Phänomene in Beziehung zur Handlungs-Wahrnehmungs-Kopplung, zur Vorhersage und zur Anpassung. Formale Modelle werden als konkrete Theorien zur Interpretation empirischer Daten eingeführt. Dadurch werden holistische Ansätze greifbarer, dynamischer und empirisch überprüfbar.
Zunächst demonstrieren wir diesen Ansatz anhand eines Kausalmodells von Musikpräferenzen, basierend auf Daten einer großen Hörergruppe. Das Modell beschreibt, wie Hörer musikalische Merkmale wahrnehmen und sie mit Verkörperung, Erfahrung und Wertschätzung verknüpfen. Anstatt diese Faktoren isoliert zu betrachten, zeigt das Modell, wie Wertschätzung aus ihrer Interaktion entsteht.
Anschließend diskutieren wir dynamische Systemmodelle auf Basis nichtlinearer Differentialgleichungen. Diese Modelle beschreiben, wie sich Handlungen und Wahrnehmungen im Laufe der Zeit kontinuierlich aneinander anpassen. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Synchronisation: Musiker passen ihre Handlungen unbewusst an wahrgenommene Rhythmen an. In Musikensembles fördert diese gegenseitige Anpassung die Koregulation und die Entstehung eines stabilen Tempos. Aus gestaltpsychologischer Sicht lässt sich die resultierende Darbietung nicht als Summe individueller Beiträge allein verstehen. Vielmehr entsteht sie aus der Dynamik des interagierenden Systems und veranschaulicht, wie musikalische Organisation durch die Beziehungen zwischen den Musikern und ihrer Umgebung entsteht.
in alphabetischer Reihenfolge
Baulot-Souckov, Clément
How does studying staged Bulgarian traditional dance and music as a whole choreomusical and audience reception endeavor can teach us a lot?
Parncutt, Richard
Fetal psychology and our continuing obsession with major and minor triads and scales
Scholla, Kilian
Von der melodischen Keimzelle zur Großform: Gestaltdenken und elektronische Klänge bei York Höller
Yun, Shin-Hyang
From Auditory Memory to Action and Imagery: Strategy of Unified Perception in the Media Art of Nam June Paik.
Wöllner, Clemens
How Chopin imagined his music: Perceiving musical Gestalts in historically informed piano interpretations
in alphabetischer Reihenfolge
Agostini, Tiziano, Walter Coppola
L´Effetto slalom
Bianchi, Ivana
Perceptual Structure of Opposites across Sensory Modalities
Fornaciai, Michele
Structured wholes in numerosity perception: a review of how the Gestalt organizational principles modulate our sense of number
Lorber, Maurizio
Rudolf Arnheim versus Ernst Gombrich: Perspective Representation in Art. From Gestalt Theory to Cognitivism
Sinico, Michele
Re-evaluating the Contribution of Gestalt Psychology to Interaction with Objects
Verstegen, Ian
Back to Lewin: An Arnheimian Social Psychology of Art
Jasrotia, Meharr; Pranjal Nepalia and Nidhi Kalonia
Collective vs. individual music listening. Effects on Mental Imagery and Emotional Experience
Sneha, Jain: Patti Nijhuis and Joshua S. Bamford
Listen Closely, you might See Something!
Upadhyay, Durgesh K.
Gestalt–Imagery–Action Dynamics in Indian Music Therapy: An Empirical Study of Rāga Pilu
Wang, Carmen
Musical Imagery and Structured Wholes: A Gestalt Account of Mental Representation
in alphabetischer Reihenfolge
Athanasopoulos, George
Representing Music Across Cultures: From Sound to Drawings
Jindal, Shailesh
The Effect of Background Music on Emotional Expression in Children During a ‚Paint Your Emotion‘ Activity: A Gestalt-Based Study
Wedam, Ute
Psychotherapie in gesellschaftlichen Umbrüchen
Zoeller, Matthias and Sebastian Klotz
Gestalt theoretic aspects of randomness and noise
in alphabetischer Reihenfolge
Beers, Jean
How Do We Experience While We Create?
Tracing Emergent Gestalten in Improvisation through Experience-Based Scoring between Imagery, Perception, and Action
Biliousis, Stefanos and Sofia Dahl
EDM Break Routines: grouping percept and action tendency
Brieden, Felix
Political Detours of Gestalt Theory in Werner Wolff and Frantz Fanon
Pirchner, Andreas
Remoteness and Presence in Temporal Gestalt Formation.
Neuere Forschungen zu crossmodalen Korrespondenzen haben gezeigt, dass Hörer musikalische Klänge kultur- und entwicklungsübergreifend konsistent mit visuellen, emotionalen und semantischen Merkmalen verbinden. Ausgehend von Studien zu Prokofjews Peter und der Wolf, Saint-Saëns’ Karneval der Tiere sowie aktuellen Arbeiten zu multisensorischen Zuordnungen von Konsonanz und Dissonanz untersucht dieser Vortrag, wie musikalische Struktur, Klangfarbe und Intervallbeziehungen audiovisuelle und affektive Assoziationen prägen. Ich argumentiere, dass diese Befunde die Existenz robuster multisensorischer Organisationen unterstützen, die Musikperzeption, begriffliche Repräsentationen und emotionale Bedeutung miteinander verknüpfen. Zugleich werfen sie weiterführende Fragen nach den Ursprüngen und Mechanismen musikalischer Semantik auf.
Systematische Beziehungen zwischen auditiven Eigenschaften und musikalischen Charakteristika einerseits sowie Qualitäten anderer Sinnesbereiche andererseits könnten zur Bildung außermusikalischer Bedeutung beitragen. Obwohl dies ein lebendiges Forschungsfeld innerhalb der experimentellen Psychologie und der Neurowissenschaften darstellt, bleiben viele grundlegende Fragen offen. Lassen sich sensorische Wechselwirkungen in musikalischen Werken nachweisen, und wenn ja, wie können solche Praktiken in ihren historischen oder kulturellen Kontext eingeordnet werden? Könnten Erkenntnisse über crossmodale Beziehungen musikalische Kreativität fördern? Und schließlich: Würden cross-sensorische Erweiterungen von Zuhörern in physischen oder digitalen Umgebungen geschätzt werden, und welche Rolle spielen dabei Kongruenz beziehungsweise Inkongruenz für die Gestaltung multisensorischer musikalischer Erfahrungen?
Verbindung von Wahrnehmen, Fühlen und Denken: Ein Bayes’sches Modell crossmodaler Korrespondenzen mit Musik
Crossmodale Korrespondenzen mit musikalischen Eigenschaften – sowohl in isolierter Form als auch in musikalischen Kontexten – wurden umfassend mithilfe verhaltenswissenschaftlicher Experimente untersucht. Diese Experimente haben robuste Zusammenhänge zwischen Eigenschaften wie Tonhöhe und vertikaler Position, Größe und Schärfe eines Objekts, Spannung, Helligkeit und Geschwindigkeit sowie weiteren Merkmalen gezeigt. Darüber hinaus konnten verschiedene Ursprünge dieser Assoziationen identifiziert werden.
In musikalischen Kontexten spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle dabei, welche multimodalen Erfahrungen Zuhörerinnen und Zuhörer (oder Ausführende) machen. Dadurch werden die jeweils hervortretenden Korrespondenzen für einen bestimmten Kontext und eine bestimmte Person eher probabilistisch als deterministisch. Ziel dieses Beitrags ist es, diese probabilistische Natur crossmodaler Korrespondenzen mit Musik zu untersuchen und dabei die Bayes’sche Regel zur Modellierung solcher Assoziationen einzusetzen.
Die Bayes’sche Regel wird angewandt, um musikalische Eigenschaften mit entsprechenden Korrespondenzen zu verknüpfen. Dabei werden der Informationsgehalt einer Eigenschaft, die Wahrscheinlichkeit der Korrespondenz sowie der Grad der Evidenz für diese Korrespondenz berücksichtigt. Die Anwendung der Bayes’schen Regel und ihre Vorhersagen werden anhand einer Reihe musikalischer Beispiele evaluiert. Diese Modellierung wirft neue Fragen im Zusammenhang mit multimodalen Musikerfahrungen auf und schlägt zugleich einen möglichen Mechanismus vor.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass er eine formale Untersuchung der Einflussfaktoren multimodaler Musikerfahrungen ermöglicht. Unterschiedliche Modelle können dabei verschiedene Vorhersagen generieren, beispielsweise indem Emotionen als Quelle von Korrespondenzen hervorgehoben oder Erwartungen im Vorhinein definiert werden.
Auditive Morphodynamik: Ein Gestalt-basierter Ansatz zur Erforschung audiovisueller Assoziationen in der Klangkunst
Die Forschung zu crossmodalen Assoziationen – insbesondere zwischen auditiven und visuellen Bereichen – hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Solche Assoziationen beruhen auf zahlreichen Faktoren, die von frühen Wahrnehmungsprozessen bis hin zu höheren kognitiven Schlussfolgerungen sowie emotionalen und umweltbedingten Einflüssen reichen. Das aufkommende Konzept der Morphodynamik von Reizen bietet einen neuen Rahmen zur Untersuchung crossmodaler Korrespondenzen, indem es sich auf die sich entwickelnden Eigenschaften eines Reizes sowie auf dessen qualitative und quantitative Kontinuitäten und Diskontinuitäten konzentriert. Abhängig von der morphodynamischen Komplexität können solche Assoziationen aus unterschiedlichen wahrnehmungsbezogenen Ähnlichkeiten entstehen – von strukturellen Übereinstimmungen bis hin zu konzeptuellen Analogien.
Dieser Beitrag untersucht Morphodynamik anhand eines Gestalt-basierten Paradigmas, das Wahrnehmungserfahrung sowohl mit den strukturellen Eigenschaften als auch mit der phänomenalen Erscheinungsweise eines Reizes verbindet. Morphodynamische Muster können komplexe Informationen vermitteln, die aus der zeitlichen Entwicklung sensorischer Reize hervorgehen. Aufbauend auf empirischen Studien des Autors untersucht der Beitrag die Fähigkeit auditiver Reize, nicht-auditive Informationen zu transportieren. Die Ergebnisse zeigen, dass Teilnehmende musikalische sowie eigens vorbereitete Klangmaterialien (d. h. elektronisch synthetisierte abstrakte Klänge) konsistent mit mentalen Bildern verbinden, die spezifische Materialeigenschaften wie Viskosität oder Elastizität widerspiegeln, ebenso wie mit visuellen Darstellungen von Objekten, die diese Eigenschaften verkörpern.
Im Zentrum dieser Studie steht die Annahme, dass nicht-referenzielle abstrakte Klänge allein durch ihre morphodynamische Entwicklung Vorstellungen der realen Welt hervorrufen können. Dieser Befund zeigt, dass Klangmuster nicht-auditive Informationen vermitteln können und dabei einen Wahrnehmungsmechanismus offenlegen, der über referenzielle Bedeutung hinausgeht. Eine solche Perspektive eröffnet neue Wege zum Verständnis ästhetischer Wahrnehmung in der Klangkunst und legt nahe, dass bestimmte Musikgenres und Klangpraktiken – insbesondere solche, die Verweise auf physische Kausalität und symbolische Bedeutung minimieren – aufgrund ihrer dynamischen Form als inhärent bedeutungsvoll erlebt werden können.
Das Meta-Schema: Zwischen Gestaltwahrnehmung, crossmodalen Korrespondenzen und multimodaler Semantik
An der Schnittstelle von Gestaltwahrnehmung, kognitiver Psychologie und Linguistik schlägt dieser Beitrag ein neues Konstrukt vor, das der Konzeptbildung zugrunde liegt: das Meta-Schema.
Der gemeinsame Nenner von Gestalttheorie, der Forschung zu crossmodalen Korrespondenzen sowie der Untersuchung von Bildschemata in der kognitiven Linguistik liegt im Fokus auf der aktiven Konstruktion von Erfahrung durch das kognitive System. So motiviert die Gestaltwahrnehmung organisierte Konfigurationen aus verstreuten Lichtmustern, etwa „einen gezackten Stern“. Bildschemata bewahren solche Konstrukte als Vorlagen zur Bildung metaphorischer Bedeutungen (z. B. „eine gezackte Erinnerung“). Schließlich erklären crossmodale Korrespondenzen sowohl, wie sich ganzheitliche Wahrnehmung von einer Modalität auf eine andere ausdehnt (wie oben: von der visuellen Wahrnehmung zur Sprache), als auch, wie eine solche etablierte Verbindung auf natürliche Weise weitere multimodale Bedeutungen motiviert (z. B. eine „gezackte“ musikalische Klangfarbe).
Der vorliegende Ansatz geht noch einen Schritt weiter in Richtung Abstraktion, indem er behauptet, dass einige scheinbar kultur- und sprachübergreifend getrennte Bildschemata – etwa VERTIKALITÄT, AUSDEHNUNG und QUELLE–PFAD–ZIEL – tatsächlich auf einem einzigen System höherer Ordnungsprinzipien beruhen. So basieren Tonhöhen, die in manchen Sprachen „nach oben“ gehen, in anderen jedoch „schrumpfen“, sich „im Kreis bewegen“, „kleiner“ oder „leichter“ werden, alle auf einem geordneten System primitiver Vorstellungen: typischerweise einem Objekt, das sich von Punkt A nach Punkt B bewegt oder transformiert, der Kraft, die nötig ist, um das Objekt in Bewegung zu setzen, der Energie zur Aufrechterhaltung der Bewegungsrichtung sowie der Zerlegung in „Einheiten“, um die Schritte dieser Bewegung zu markieren.
Im Vortrag werde ich illustrieren, wie dieses „Meta-Schema der Tonhöhenentwicklung“ anhand von Wahrnehmungsexperimenten, historischen Texten, anthropologischen Befunden und multimodalen Materialien (z. B. Opernaufführungen oder Albumcovern) erkennbar wird.
Leitung: Prof. Dr. Herbert Fitzek / Prof. Dr. Marianne Soff
In diesem Panel wird die „Berliner Schule der Gestalttheorie“ und ihre Blütezeit im Psychologischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität in den Jahren 1922-1935 im Mittelpunkt stehen – von Räumen im Schloss, der damaligen Atmosphäre und Zusammenarbeit, bis hin zu wissenschaftlichen und Praxis-relevanten Weiterentwicklungen bis in die Gegenwart.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs machte auch die Wissenschaft in der Weimarer Republik eine neuen Anfang. Die Gestalttheorie fand dafür in den Räumen des Psychologischen Institutes der Friedrich-Wilhelms-Universität im ehemaligen Hohenzollernschloss besonders exponierte Bedingungen. Wir möchten rekonstruieren, wie das Institut sich im Schloss einrichtete: Wie lebten, arbeiteten und forschten Köhler, Wertheimer, Lewin? Welche Räume belegten Sie? Was waren ihre Arbeitsschwerpunkte? Wer arbeitete mit ihnen zusammen? Welche Doktorandinnen und Doktoranden forschten in den Räumen? Wer gehörte außer den Vertretern der Gestalttheorie zum Institut? Und was spielte sich um das Schloss herum ab? Wie fügte sich die Gestalttheorie in die Berliner Kultur der 20er Jahre ein?
Im Einführungsbeitrag zum Panel geben wir einen Überblick über die Forschungs- und Arbeitsbedingungen der in der Gestalttheorie Engagierten im Berlin der 1920er Jahre anhand eines konkreten (virtueller) Einblick in deren Wirkungsstätte im ehemaligen Hohenzollernschloss.
Lewin war eine der zentralen Persönlichkeiten am Berliner Institut für Gestaltpsychologie. 1928 hielt er einen Vortrag zum Thema „Die Entwicklung der experimentellen Willenspsychologie und die Psychotherapie“ beim III. Allgemeinen Ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden. Lewin zeigte in seinem Vortrag dem ärztlichen Publikum auf, dass lebensnah eingesetzte experimentelle Forschung auch für die Prüfung psychodynamischer Zusammenhänge ein sinnvolles Vorgehen sein kann. Beinahe 100 Jahre danach sind die Forschungsergebnisse aus den Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsychologie – bekannt auch unter dem Namen „Berliner Experimente“ – nach wie vor aktuell und relevant.
In der Gestalttheoretischen Psychotherapie (GTP), die sich in der Tradition der Gestaltpsychologie versteht, wurden wesentliche Ergebnisse aus dem systematisch aufgebauten Experimentalprogramm aufgegriffen und auf das Feld der Psychotherapie übertragen. Exemplarisch werden folgende Themenbereiche, denen in der Psychotherapie eine wichtige Bedeutung zukommt, erörtert:
Vorsitz: Mats Küssner (Gustav Mahler Privatuniversität für Musik)
Musik und mentale Vorstellungen umfassen ein breites Spektrum an Phänomenen – von spontan entstehenden Erzählungen und Erinnerungen bis hin zu körperbezogenen Vorstellungen und therapeutischen Anwendungen. Dieses Panel vereint empirische, theoretische und klinische Perspektiven darauf, wie Musik Bilder, Bewegungen, Geschichten und symbolisches Erleben prägt.
Dabei wird auch eine dezidiert gestaltpsychologische Frage aufgeworfen: Wie organisiert musikalisches Erleben unterschiedliche Elemente der Vorstellungskraft zu bedeutungsvollen und kohärenten Ganzheiten.
Labor- und Online-Studien haben gezeigt, dass Musik mentale Bilder beeinflusst und Imaginationen lenkt. Verfahren der natürlichen Sprachverarbeitung (Natural Language Processing, NLP) haben sich als nützlich erwiesen, um die Inhalte solcher Imaginationen zu untersuchen. Dabei wurde sichtbar, dass Hörerinnen und Hörer innerhalb kultureller Kontexte bei narrativen Interpretationen musikalischer Ausschnitte zu gemeinsamen Vorstellungen konvergieren (Margulis et al., 2022). Allerdings wurden NLP-Ansätze bislang noch nicht auf Imaginationen angewandt, die durch Live-Musik hervorgerufen werden – also in Situationen, in denen die Demografie des Publikums stärker variiert und die musikalischen Stimuli deutlich länger sind als die in laborbasierten NLP-Paradigmen üblichen 30–90 Sekunden langen Ausschnitte.
Dieser Vortrag präsentiert eine Analyse frei formulierter Imaginationen, die während eines Live-Kammermusikkonzerts hervorgerufen wurden. Das Konzert war Teil einer professionell veranstalteten Abonnementreihe und umfasste Werke von Beethoven, Brahms und Stephen Hough. Die Zuhörerinnen und Zuhörer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus, in dem sie autobiografische Erinnerungen und fiktive Geschichten beschrieben, die sie mit bestimmten musikalischen Sätzen verbanden. Wichtig dabei ist, dass die Teilnehmenden nicht im Vorhinein rekrutiert wurden: Sie wurden direkt vor Ort eingeladen, den Fragebogen auszufüllen, wodurch eine reale Konzertbesucherpopulation untersucht werden konnte. Insgesamt wurden 447 Erzählungen von 167 Personen gesammelt.
Analysen mithilfe von Satz-Embeddings (SBERT) sowie Wort-Embeddings (word2vec) zeigten, dass die Imaginationen durch den musikalischen Inhalt gelenkt wurden. Innerhalb einzelner Sätze waren die individuellen Imaginationen signifikant ähnlicher zum Durchschnitt aller anderen semantischen Embeddings desselben Satzes (dem Gruppen-„Konsens“) als zu den durchschnittlichen Embeddings anderer Sätze. Konkret zeigte die Mixed-Effects-Modellierung einen signifikanten Haupteffekt für den Vergleich zwischen innerhalb- und außerhalb-des-Satzes-Ähnlichkeiten (SBERT: β = 0,06, SE = 0,01, t = 9,75, p < .001; word2vec: β = 0,04, SE = 0,01, t = 6,65, p < .001). Darüber hinaus wird auch der semantische Gehalt auf Ebene einzelner musikalischer Sätze diskutiert.
Die Ergebnisse erweitern bisherige Forschung auf ein naturalistisches Paradigma mit vollständigen Musikstücken und zeigen, dass selbst in realitätsnahen Kontexten individuelle Imaginationen durch musikalische Merkmale geprägt werden und zugleich in hohem Maß geteilt sein können.
Im Mittelpunkt meines Beitrags stehen Bewegungs-Gestalten des Körpers als Grundlage mentaler Bilder musikalischen Klangs – in dem, was ich als Klang-Bewegungs-Objekte (sound-motion objects) bezeichnet habe. Eine vertiefte Betrachtung der Eigenschaften klangerzeugender Bewegungen kann uns eine breitere ökologische Grundlage für das Verständnis von Gestaltbildung in musikalischer Imagination liefern.
Es lässt sich zeigen, dass grundlegende Bewegungsprinzipien wie Frequenz, Amplitude und Quantität sowie deren Ableitungen wie Geschwindigkeit, Beschleunigung, Ruck (jerk) und Impulsänderung (snap) in klangerzeugenden Bewegungen enthalten sein können. Ebenso können Prinzipien der motorischen Kontrolle wie Koartikulation und Phasenübergänge präsent sein. Daher kann angenommen werden, dass all diese Aspekte – in unterschiedlichem Ausmaß – integrale Bestandteile musikalischer Imagination darstellen, in dem, was ich als motormimetische Imagination bezeichnet habe.
Mein zentraler Punkt ist, dass diese bewegungsbezogenen Eigenschaften real sind, insofern sie tatsächlichen musikalischen Aufführungen angehören. Gleichzeitig entziehen sie sich jedoch häufig konventionelleren, notenzentrierten westlichen Vorstellungen musikalischer Imagination.
Schizoid strukturierte Klient:innen stellen in der verbalen Psychotherapie häufig eine besondere Herausforderung dar – aufgrund ihrer Tendenz zu emotionalem Rückzug, Dissoziation und Intellektualisierung. Obwohl sie oft über ausgeprägte Reflexionsfähigkeiten verfügen, kann die Herstellung emotionalen Kontakts innerhalb von Ansätzen wie der Gestaltpsychotherapie schwierig sein, was nicht selten zu therapeutischer Stagnation führt.
Dieser Vortrag untersucht, wie Guided Imagery and Music (GIM) die therapeutische Arbeit mit schizoid strukturierten Klient:innen unterstützen kann, indem emotionales und symbolisches Material zugänglich gemacht wird, das über verbale Interaktion allein nicht erreichbar bleibt. GIM nutzt Musik, um veränderte Bewusstseinszustände und spontane Imaginationen zu fördern, wodurch Klient:innen ihre inneren Erfahrungen über Bilder, Metaphern und narrative Prozesse erkunden können.
Schizoid strukturierte Menschen verfügen häufig über ein reiches inneres Fantasieleben, das nicht ausschließlich als Abwehrmechanismus verstanden werden sollte, sondern auch als therapeutische Ressource genutzt werden kann. GIM eröffnet einen direkten Zugang zu dieser imaginalen Welt, in der Klient:innen emotional bedeutsamen Inhalten und Beziehungsthemen in einer weniger bedrohlichen, nonverbalen Form begegnen können.
Der Vortrag zeigt auf, wie GIM innerhalb eines gestalttherapeutischen Rahmens integriert werden kann und den Übergang von imaginalem Erleben zu relationaler Verarbeitung unterstützt. Klinische Einblicke veranschaulichen, wie Musik und Imagination emotionalen Zugang, symbolischen Ausdruck und eine stärkere Integration fördern können, indem sie die Kluft zwischen kognitiver Einsicht und gelebter emotionaler Erfahrung überbrücken.
Neuere Forschung zeigt, dass spontane Gedanken während des Musikhörens lebhafte autobiografische Erinnerungen und fiktionale Imaginationen umfassen. Menschen haben das Gefühl, dass ihre Imaginationen idiosynkratisch und persönlich sind, doch Analysen freier Beschreibungen zeigen, dass sie innerhalb einer Kultur tatsächlich weitgehend geteilt werden – selbst dann, wenn sie durch neue und unbekannte Musikausschnitte ausgelöst werden. Neben den gemeinsamen Inhalten entfalten sich diese Imaginationen auch in einer gemeinsamen zeitlichen Struktur. Theoretische und methodische Fortschritte bei der Untersuchung spontaner Gedanken während des Musikhörens eröffnen somit eine einzigartige Perspektive auf unwillkürliche mentale Imaginationen, die subjektiv erlebt werden und zugleich strukturell mit dem musikalischen Reiz verbunden sind.
Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Wilhelm Salber entwickelte Psychologische Morphologie ist Grundlage der psychologischen Lehre und Forschung an der BSP Business & Law School in Berlin und Hamburg. Aus tiefen- und gestaltpsychologischen Grundlagen entstand ein Konzept, das (radikal) bei den Formenbildungen des Alltags und der Kultur ansetzt und insbesondere Phänomene der Wirtschaft, der Medien und des Sports psychologisch ergründet. Wie konkret vorgegangen wird, zeigen Beispiele aus der morphologischen Forschung.
Prof. Dr. Dirk Blothner: Psychologie betreiben mit dem Zeichenstift – Wilhelm Salbers psychologische Skizzen
Prof. Dr. Björn Zwingmann: Morphologische Filmanalyse von „Air – Der große Wurf“ (Ben Affleck, 2023)
Prof. Dr. Johanna Hodde: Zwischen Anarchie und Diktatur: Kunsterfahrung als Kulturparameter am Beispiel eines Gemäldes „Der Heilige Hain“ (1882) von Arnold Böcklin
Dr. Sven Giebel: Vorgestaltanalyse und Werbewirkung
Prof. Dr. Andreas Marlovits: Spielgestalten – Morphologische Analyse von Fußballspielen
in alphabetischer Reihenfolge
Deniz Duma, Deniz, Daniel Turner, Dana Schwarbrick, Andrew Danso, Margarida Baltazar
Altered Attention States During Musical Engagement: Affective, Bodily, and Social Experiences
Gur, Amit
Form and Material in Visual and Auditory Perception
Pibert, Johann
AI and Vitality: Vitality Forms as Affective Gestalts in Film Psychology
Sunar, Neesa
A Theoretical Synthesis of 20th Century Perspectives on Musical Inner Hearing by Edwin E. Gordon and Paul Hindemith